30 Allgemeiner Teil.
besonders wertvollen aus andern Fächern, wohl auf Wunsch ihresköniglichen Herren, ein neues prunkvolles Kleid mit goldverziertenMaroquineinbändcn und Goldschnitt gegeben wurde, wodurch freilichmanche wertvollen Aufschriften und Einträge, so z. B. auch alle altenSignaturen verloren gingen, die nun glücklicherweise z. T. in denKatalogen vom Jahre 1813 gerettet sind. Einige wenige Stücke wurdenübrigens nach 10 jährigem Aufenthalt aus ihrem neuen Heim wieder weg-gegeben. Im Jahre 1820 wurde die Bibliothek der von SternbergschenHerrschaft zu Schussenried — die „Bibliotheca Sorethana" —, die imJahre 1809 eingezogen worden war, an ihren rechtmäfsigen Herrn nachSchussenried zurückgegeben und von dort in den 30 er Jahren anAntiquare verkauft. Darunter befanden sich auch drei WeingartnerHandschriften, nach den Signaturen der Hof bibliothek II, 42, III, 17 u. 21,wovon die erstere, schon ihres Alters wegen, besonders wertvollwar. Ob sonst noch Weingartner Besitz unter den abgegebenen Beständenwar, wird sich kaum mehr feststellen lassen. Das ganze Verfahrenvom Jahre 1820 scheint etwas summarischer Art gewesen zu sein;Verzeichnisse wurden offenbar nicht angelegt. Dafs die drei Handschriftenvor 1809 von Weingarten einmal nach Schussenried gekommen waren,ist bei der nachbarlichen Lage der beiden Orte nicht unmöglich, abernicht sehr wahrscheinlich, um so weniger als die Handschriften inBommers Katalog noch aufgeführt sind. Es ist sehr w r ohl denkbar,dafs 1820 auch das eine oder andere Stück abgegeben wurde, dasgar nicht von Schussenried gekommen war.
Im übrigen führten die Handschriften in den stillen Bäumen derKgl. Handbibliothek ein geruhsames Dasein. Nicht als ob sie wissen-schaftlicher Benutzung entzogen worden wären; in den 20 er Jahrenz. B. wurden dort die Weingartner Handschriften zusammen mit demübrigen Bestand der Handbibliothek von Meusebach nach altdeutschenSprachdenkmälern durchforscht,*) ebenso in den 30 er und 40 er Jahrenvon den Kunsthistorikern Kugler und Waagen nach ihrem Miniaturen-besitz.' 2 ) Immerhin war ihre Trennung vom Hauptstock der StuttgarterHandschriften, der in der öffentlichen Bibliothek lag, für die Gelehrten-welt doch mifslich. Und so war es auch von dieser Seite aus freudigzu begrüfsen, dafs der Wunsch des Königs Karl, diesen Schätzen einesicherere Aufbewahrung zu verschaffen, den Anlafs gab, die Inkunabelnund Handschriften der Kgl. Handbibliothek in die öffentliche Bibliothekzu verbringen. Im Mai 1884 fand die Uebernahme statt, und seit demJahre 1885, in dem der Mittelbau der neuen Bibliothek vollendetwurde, wohnten die Weingarlner Handschriften, zunächst als Gäste,im gleichen Raum, in dem die übrigen Württembergischen Handschriftenihr Heim gefunden hatten, und unter der gleichen Verwaltung. Dieses
1) Graffs Diutiska, Bd 2, 1827, p. 40— 70.
2) Waagen, Kunstwerke und Künstler in Deutschland, Teil 2, 1845,S. 198 ff. Kugler, Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte, Teil 1,1853, S. 09—7G.