I. Zur Geschichte der Handschriftensammlung.
Wie entstand die Weingartner Bibliothek? Und wie verschwand
sie wieder? Eine wertvolle Antwort auf die erste Frage ist verlorengegangen, und die zweite in einem amtlichen Berichte zu beantworten,hielt man seinerzeit nicht für nötig. Von den Orten, wo heule Stiiekeder Weingartner Sammlung sich finden, zurückgehend, kann man wohldie Wege verfolgen, welche seit der Aufhebung der Abtei ihre Büchergegangen sind; aber eine Urkunde, ein amtliches Aktenstück über dieBestimmung der Bibliothek wurde offenbar damals von den neuenHerren des Klosters nicht aufgenommen. AVenigstcns hat sich in denin Betracht kommenden Archiven von Stuttgart, Ludwigsburg, Haag,Marburg und Wiesbaden nichts dergleichen gefunden. Schmerzlicherist der Verlust der Antwort auf unsere erste Frage; sie lag in demBericht des Mannes, dessen Arbeiten über die Weingartner Bibliothekes überhaupt nur ermöglichen, dafs wir uns heute noch ein genauesBild von den wichtigsten Teilen dieser Sammlung machen können, desP. Johannes Albert Bommer, gestorben 1785 als Bibliothekar seinesKlosters. Er hinterliefs aui'ser einem Handschriften- und einem In-kunabelkatalog seiner Bibliothek auch 1 ) eine „Abhandlung von demUrsprung und Wachstum der Weingartischen Bibliothek vom Anfangder Stiftung vom 8. Jahrhundert an bis aufs dreifsigste Jahr dieses[18.] Jahrhunderts" nebst einem „Verzeichnisse der Bibliothekare undihrer Schriften". Die beiden Kataloge Bommers, die lange Zeit auchfür verschollen' 2 ) galten, sind neuerdings aufgefunden 11 ) worden; da-gegen scheint seine Bibliotheksgeschichte endgültig als verloren an-gesehen werden zu müssen. Jedenfalls ist da, wo die Kataloge ver-borgen waren, von ihr keinerlei Spur zu finden gewesen, und auchan den andern in Betracht kommenden Orten war alles Suchen umsonst.Bei der jahrelangen eingehenden Beschäftigung Bommers mit der ihmanvertrauten Bibliothek, bei seinen hervorragenden fachmännischen
1) Nach der auf Schelhorns Biographie zurückgehenden Augabe vonZapf in der neuen Ausgabe seiner Literarischen Keisen, Bändcheu 1, Augs-burg 1796, S. 141 f.
2 ) Vgl. Lindner, Die Schriftsteller der Abtei Weingarten, in Studien undMittheilungen ans dem Benediktiner-Orden, Jahrg. 3, Is82, Bd. 2, S. 275.
, 3) = Stuttgart, HB. XV. Wirt. 102 und cod. histor. fol. 7i)2. Vgl. Zentral-blatt für Bibliothekswesen, Ulli), S. Ml ff.