Zur Geschichte der Handschriftensammlung. 23
Bibliothek scheinen dann ordnungsgemäß in die Puldaer Bibliothekeingereiht worden zu sein. Die andere, wie es scheint gröbere Zahlder Kisten war aber nicht in das Bibliotheksgebäude, sondern aufVeranlassung des Geheimen Konferenzrats von Arnoldi, dem —offenbar nicht zur Freude von Böhm — die Oberaufsicht über dieBibliothek übertragen worden war, in seine Wohnung in der Dom-dechanei verbracht worden. Und liier standen sie noch, als dieSchlacht von Jena der oranischen Herrschaft in Fulda ein Endemachte. Am 22. Oktober 1806 besetzte Marschall Mortier die alteBischofstadt. Anfang November kam der neue StadtkommandantOberst Niboyet in die Bibliothek und liels sich ihre Schätze zeigen.Wie schon vorher das Oberfinanzkollegium, so fand auch er wiederbesonderes Wohlgefallen an den vier Handschriften mit Miniaturenund kostbaren Einbänden. Um sie einem Kenner zu zeigen, wie erversicherte, liefs er sie in seine Wohnung holen. Böhm konnte sichnicht widersetzen; doch liefs er sich einen Revers unterzeichnen undmeldete den Vorfall dem Kurator. Aber es sollte nichts helfen;anfangs Dezember reiste Niboyet ab und nahm die Handschriften mit.Nach mancherlei Zwischenstufen bei französischen Händlern fandendann diese Kostbarkeiten, von Thomas Cook, Grafen Leicester, 1818in Paris gekauft, ein Heim in der Bibliothek des Lord Leicester inHolkham Hall, wo sie sich heute noch befinden.
Auch dem grofsen noch unausgepackt in den Kisten liegendenTeil der Weingartner Bibliothek drohte ähnliche Gefahr: Der fran-zösische Intendant Daran liefs sie ins Schlofs schaffen und wollte sieals eroberte Sache nach Frankfurt bringen zur öffentlichen Verstei-gerung. Glücklicherweise kam es nicht dazu. Ein Wendepunkt tratein mit der Ankunft des neuen französischen Gouverneurs, des GeneralsThiebault, in der Mitte des Monats November. Thiebault war 17ÜÜals Sohn einer Familie der französischen Kolonie von Berlin geboren"nd im Unterschied von. so manchem napoleonischen General ein ge-bildeter Mann mit wissenschaftlichem Interesse. Böhm rühmt ihn alseinen Gönner der Puldaer Bibliothek, die er manchmal vor der Be-gehrlichkeit seiner Landsleute geschützt habe. Doch so ganz ein-wandsfrei war Thiebaults Verhalten in diesen Dingen entschiedenauch nicht, wie seine eigenen Memoiren verraten, worin er über dieweiteren Geschicke der Weingartner Handschriften sehr interessanteMitteilungen macht. Er sagt dort 1 ): Mon marechal du palais m'ayantavise qn'il existait dans le chäteau de Fulda 120 caisses, contenanttonte la bibliotheque de la ci-devant abbaye de Weingarten, yordonnaide les ouvrir et de verifier le catalogue. Cettc Operation faite, il sctrouva une soixantaine de manuscrits du dixieme siecle au quinzieme;je pris pour moi un volumc de chaeun de ces siecles et je lis deuxlots du reste: Tun de ces lots, le plus considcrable, fut porte ä labibliotheque de Fulde; l'autre le plus precieux, fut envoye ;'i la
1) Thiebault, Menaoires, vol. IV, Paris 1895, p. 51 — 52.