Zur Geschichte der Handschriftensaimnlung. 21
tiefe in weite Kreise hinausgetragen worden, und die zu ihrer Be-nutzung nötigen Kataloge waren mit grofsem Fleifse abgeschlossen,als das Ende der Selbständigkeit der Abtei und die Zeit der Zer-streuung ihrer Bibliothek herannahte. Vorher war die Sammlung imwesentlichen wohl unversehrt geblieben; von Verlusten durch ver-schenkte oder ausgeliehene und nicht zurückgegebene Teile ist nirgendsmehr die Rede gewesen, i) Eine Ausnahme bilden hier die zwei nachWien an den Freiherrn von Senkenberg gesandten HandschriftenAnh. III, 1 und 2 und ebenso der nicht geklärte Verlust von SalomosGlossar, das von Zapf noch in der Bibliothek gesehen wurde, aber inBommers Katalog schon fehlte.
Die erste Verschleppung von Teilen der Bibliothek brachten dienapoleonischen Kriege. Für die zwei Cicerohandschriften K 78 und105 ist in Bommers Katalog die Nachricht festgehalten, dafs sie imJahre 1801 dem französischen General Thomas, der in die Wein-gartner Gegend gekommen war, geschenkt werden mufsten. Aucheine Reihe von Druckwerken hat offenbar derselbe Bücherfreund mit-genommen. 2) Doch das war nur der Anfang vom Ende. In dennächsten Jahren begannen die Irrfahrten der Bibliothek, die naherverfolgt werden mögen, da sie selbst für diese Jahre der allgemeinenVerschiebungen ein besonders grelles Bild der Unruhe der Zeit wider-spiegeln. n
Der Vertrag, welchen Frankreich und das Haus Oranien am23. Mai 1802 in Ergänzung des Lüneviller Friedens abschlössen,machte der Selbständigkeit der Reichsabtei Weingarten ein Ende.Ihr Gebiet sollte nebst einigen anderen Länderstrichen worunter auchdas Fürstbistum Fulda war, an den seit Winter 1794/95 nach Eng-land geflohenen Wilhelm V. von Nassau-Oramen-Dillenburg Lib-Btatthalter von Holland, kommen als Entschädigung für den Verlustder Statthalterschaft und der in den Niederlanden gelegenen Be-sitzungen. Noch ehe diese Abmachungen durch die Re.chsdepu ationim Februar 1803 gutgeheißen waren, ergriff der Sohn von Wilhelm V,der Erbprinz Friedrich Wilhelm (von 1815 ab König Wilhelm! vonHolland), zu dessen Gunsten Wilhelm verzichtet hatte, Besitz von denneuen Gebieten und machte Fulda zu seiner Residenz, wo am 6. Dez.!802 sein feierlicher Einzug stattfand. 3 )
~1) Die seitherige noch von Corssen, Zwei ^^«/^g™^ 1 ?,^^ 0 ^;(ftttener Prnntifltonhandsehrift, 1899. im Anschloß au Vogel, Leitrage zur
nähme daß die zwei Handschriften mit Italafragmenten XXV a/1 und \\\ a 16in St Paul ta ffiten über Weingarten dorthin gekommer .seien wird wohlnicht mehr aufrecht erhalten. Gegen Lehmanns Annahme diese Handschriften?eieu von Konstanz direkt nach StBlasienund dann nach St. Pauljg«™?£«t nichts einzuwenden (s. Lehmanns Veröffentlichung der „Konstanz-Weingartener Prophetenfragmente", Einleitung S. III f.
2t Vs-1 /pntralblatt für B bliothekswesen, Jahrg. 2/, 1910, S. 14 *;
3) Die folgende Darstellung der Schicksale der Wcingartner Bibliothekin Fulda beruS auf Böhms bis 1811 gehenden „Nachrichten von der offent-