Druckschrift 
Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
Entstehung
Seite
371
Einzelbild herunterladen
 

Sekundäre Verrücktheit. 371

Besonnenheit vernichtet hier auch in weitem Umfange dieErinnerung an den Erwerb früherer gesunder Tage, so dassmeist der Vorstellungsschatz eiu weit geringerer ist, alsin der ruhiger verlaufenden und nicht von ausgedehntenBewusstseinstrübungen begleiteten primären Verrücktheit.

So stellt sich demnach die sekundäre Verrücktheitnicht sowol als eine allmähliche Umwandlung der psychi-schen Persönlichkeit dar, wie die primäre Erkrankungsform,sondern sie bedeutet bereits den beginnenden Zerfall,die Aufhebung der aktiven Apperception, welche beim ge-sunden Menschen die Einheit und den inneren Zusammen-hang des Bewusstseinsinhaltes vermittelt. Die Wahnideenbieten daher nicht jene systematische Geschlossenheit dar,wie sie, wenigstens im Beginne der Erkrankung, die pri-märe Verrücktheit auszeichnet. Ungeordnet, häufig wider-spruchsvoll, wie sie gerade während der voraufgegangenenPsychose entstanden waren, stehen sie neben einander, ohneeigentliche weitere Verarbeitung zu finden; höchstens hat sichnoch aus der früheren Krankheit ein gewisser Zusammenhangderselben untereinander im Gedächtnisse erhalten. Trotzdes oft barocken und absurden Inhaltes der Wahnideenfehlt doch gänzlich die produktive Phantasie des primärVerrückten, der immer neue Ideenkreise in den Bereichseiner krankhaft verfälschten Weltanschauung zieht; der.Kranke ist nicht mehr im Stande, Neues zu schaffen oderdas Vorhandene noch weiterhin auszubauen. Der Ideen-kreis bewegt sich in engen, stereotypen Bahnen; das Ge-müthsleben ist verödet. Vielleicht geben noch kümmerlicheReste der früheren Affekte der Stimmung eine bestimmtedauernde Färbung, aber dieselben besitzen keine Lebhaftig-keit mehr; sie dokumentiren sich eigentlich nur in dengewolmlieitsmässigen Ausdrucksbewegungen, ohne wirklichdas apathisch gewordene Individuum im Innern zu ergreifen.

Mit dieser intellektuellen und gemiithlichen Unfähig-keit hängt der Umstand nahe zusammen, dass die Hand-lungen des Kranken durch die geäusserten Wahnideenkaum mehr beeinflusst werden. Der Kranke zieht meistkeinerlei Konsequenzen aus seinem Grössen- oder Ver-folgungswahn; derselbe übt keine Macht auf seinen Willen

2-1 *