VI. Dementia paralytica.
Aus der Reihe von Geisteskrankheiten, die mit gröberennervösen Störungen einhergelien und auf eine tiefer grei-fende, anatomisch definirbare Alteration des Gehirns liin-deuten, hat sich im Laufe namentlich der letzten Decennienein bestimmtes Krankheitsbild herausgehoben, dessen Stu-dium wegen der hervorragenden Betheiligung der psychi-schen Funktionen nicht der Hirnpathologie, sondern vor-zugsweise der Psychiatrie anheimgefallen ist. Während dieAlienationszustände in Folge von Tumoren, Erweichungs-herden, multipler Sklerose u. s. f. eine grosse Einförmigkeitdarzubieten pflegen und darum neben den sonstigen ner-vösen und cerebralen Lälimungs- und Reizungserscheinungengänzlich in den Hintergrund treten, hat die diffuse,chronische, interstitielle Entzündung der Hirn-rinde, als des Centralorganes unseres Bewusstseins, so er-hebliche Veränderungen der psychischen Funktionen zurFolge, dass sie die wichtigsten Symptome im Krankheits-hilde darstellen, während man die begleitenden nervösenStörungen früher sogar bisweilen als blosse „Komplikationen“auffasste. Als den klinischen Ausdruck des genanntenpathologischen Processes haben wir die sogen. Dementiaparalytica*), den fortschreitenden Blödsinn mit Lähmung(„Gehirnerweichung“) zu betrachten, eine Krankheitsform,die insofern gewissennaassen auf der Grenze zwischen Hirn-pathologie und „Psychopathologie“ steht und eine Ver-einigung beider ermöglicht, als wir hier den Störungen der
*) Mendel, die progressive Paralyse der Irren, 1880 .