370 VII. Psychische Schwächezustände.
nur der gedächtnissmässig festgehaltene Erwerb früherergesunder und kranker Tage vermag noch dem Vorstellungs-verlaufe eine gewisse, meist rasch abnehmende Reichhaltig-keit zu gewähren.
1. Sekundäre Verrücktheit.
Die nächste Folge des durch eine Psychose erzeugtenSchwachsinnes ist die Unfähigkeit des Kranken, die aufder Höhe der Geistesstörung entstandenen Wahnideen zukorrigiren. Während der Gesunde die Phantasmen desTraumes oder des Fieberdeliriums sogleich mit der Rück-kehr der Besonnenheit als solche erkennt und aus demassimilirten Erfahrungsmateriale ausscheidet, muss die in-tellektuelle Schwäche in Folge einer schweren psychischenErkrankung die Möglichkeit kritischer Berichtigung derneu entstandenen krankhaften Vorstellungen aufheben. Indiesem Sinne hat jede von Wahnideen begleitete Psychose,die eine dauernde Schwäche der Intelligenz erzeugt, zu-nächst das Krankheitsbild der sekundären Verrücktheit,der wahnhaften Verfälschung des Erfahrungsmateriales zurFolge. Bei der primären Verrücktheit besteht jene Un-fähigkeit zu einer Kritik der krankhaften Wahrnehmungenund Ideen von vornherein; hier kommt dieselbe erst imVerlaufe der Geistesstörung zur Entwicklung. Dort bildetsich der Wahn gerade auf der Grundlage einer kritiklosenphantastischen Kombination aus; hier wird er in den Stür-men der Affekte erzeugt und in seiner wesentlich schonfertigen Gestalt von der geschwächten Intelligenz fest-gehalten. Im Laufe, der primären Verrücktheit werdenneben dem verfälschten Bewusstseinsinhalte auch noch eineReihe von richtigen Begriffen und Urtheilen von demKranken aufgenommen, die demselben lange Zeit, vielleichtfür das ganze Leben, noch die Kultivirung gewisser ge-sunder Ideenkreise gestatten und den völligen psychischenVerfall hintanhalten; die sekundäre Verrücktheit entstehtauf einem von der vorangegangenen Psychose schwer ge-troffenen Boden. Die regelmässig lange Dauer tiefgreifenderaffektiver Störungen mit intensiver Beeinträchtigung der