Psychiatrie ist die Lehre von den psychischen Krank-heiten und deren Behandlung. Sie gehört dem Kreise derärztlichen Wissenschaften an und bedient sich wie dieseletzteren hei ihren Untersuchungen der Hülfsmittel und Metho-den naturwissenschaftlicher Forschung. Allein die Psychiatrieerhält gegenüber den anderen ärztlichen Disciplinen eine be-sondere Stellung durch den Umstand, dass das Objekt ihresStudiums einem durchaus eigenartigen Gebiete der Lebens-erscheinungen angehört, dem Gebiete der sog. psychischenVorgänge. Psychische Vorgänge, Vorstellungen, Gemiiths-bewegungen, Willenserregungen gehören als solche einzig derinneren Erfahrung des einzelnen Individuums an; sie sindder objektiven Beobachtung nicht direkt, sondern nur inso-weit zugänglich, als man aus gewissen äusseren Verände-rungen, der Sprache, den Geberden, den Handlungen, aufihr Vonstattengehen schliessen kann. Dieser eigenthümlieheGegensatz zwischen innerer und äusserer Erfahrung, zwischender Wahrnehmung von Zuständen des eigenen Innern undvon Veränderungen in der Aussenwelt, ist es, welcher zu derprinzipiellen Abgrenzung der psychischen von den physischenErscheinungen geführt hat. Auf ihn stützt sich die land-läufige dualistische Hypothese einer selbständigen immate-riellen, vom Körperlichen loslösbaren Seele.
Es kann nicht zweifelhaft sein, dass gerade diese Be-trachtungsweise einer wissenschaftlichen Entwicklung derPsychiatrie ausserordentlich hindernd im Wege gestanden
Kraepelin, Comp. d. Psychiatrie. X