308 VII. Psychische Schwächezustände.
welches im einzelnen Falle für die Abgrenzung der Dementiasenilis verwertliet werden kann.
In der Regel kommen die ausgesprochenen Formendes Altersblödsinnes nicht vor dem 60. Lebensjahre zur Be-obachtung; nur bei schon ursprünglich invaliden oder durchbesonders ungünstige Verhältnisse, namentlich aufreibendeAffekte, geschwächte Konstitution stellt sich bisweilen einvorzeitiges körperliches und geistiges Greisenthum ein.Der Verlauf ist gewöhnlich ein langsamer, über Jahre sicherstreckender, aber progressiver, wenn auch vorübergehendeErholungen nicht ausgeschlossen sind. Bemerkt werden mussindessen, dass bei rüstigen Individuen melancholische undmaniakalisclie Erkrankungen häufig genug selbst in hohemAlter in normaler Weise ablaufen und mit Genesung endigenkönnen; natürlich fallen diese Störungen nicht in die Ka-tegorie der Dementia senilis. Der Tod erfolgt entwederin senilem Marasmus, durch eine interkurrente körperlicheErkrankung oder durch eine Ilirnkomplikation, namentlichin Folge eines apoplektischen Insultes. Die Therapiehat bei dieser Lage der Dinge keinen sehr weiten Spiel-raum. Sorgsame körperliche Pflege und Ueberwachung deroft gebrechlichen und schlecht genährten Kranken, Be-kämpfung der Aufregungszustände und Schlaflosigkeit durchvorsichtige Anwendung von Morphium oder Opium (PulvisDoveri), zuweilen auch passend durch Spirituosen (abend-liches Bier) und diätetische Maassregeln, ist so ziemlichAlles, was geschehen kann. Sehr häufig ist die Anstalts-behandlung unnöthig und unter günstigen häuslichen Verhält-nissen durch die familiäre Verpflegung vollständig zu ersetzen.
Den einfachen Formen des Altersschwachsinnes stehenklinisch jene psychischen Schwächezustände nahe, die sichals Begleiterscheinungen oder im Anschlüsse an gewisseorganische Hirnerkrankungen, Blutungen, Embolien,Tumoren, multiple Sklerose u. s. w. entwickeln. Auch hierhandelt es sich ja um eine mehr oder weniger ausgedehnteFunktionsbeeinträchtigung der Hirnrinde, die sich bisweilenmit verschiedenartigen Reizungssymptomen verbinden kann.Die Diagnose des Grundleidens kann sich wesentlich nurauf die gleichzeitigen nervösen Störungen stützen.