Druckschrift 
Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
Entstehung
Seite
348
Einzelbild herunterladen
 

348

VII. Psychische Schwächezustände.

umgrenzter Begriffe, auf deren Existenz ja weiter dieMöglichkeit aller höheren intellektuellen Funktionen, derUrtlieile und der logischen Schlüsse beruht. Aus den un-sicher und einseitig erfassten Erfahrungselementen setzensich auf diese Weise unter steter Einmischung associativhinzutretender, subjektiver Bestandtheile verschwommene,dehnbare, vielfach verfälschte Begriffe zusammen, welchedie geeignete Grundlage für schiefe und verschrobene Ur-theile, für falsche und phantastische Analogieschlüsse undsomit zur Ausbildung einer absonderlichen, verkiinsteltenund einseitigen Lebens- und Weltanschauung abgeben. Dassin derselben die Vorstellungsgruppe der eigenen Persön-lichkeit eine ganz hervorragende Bedeutung erlangt, er-scheint bei der Leichtigkeit, mit der sich die Beziehungenzwischen äusseren Eindrücken und jenem permanenten In-halte unseres Bewusstseins knüpfen, sowie bei der Kritik-losigkeit des Subjektes, wie sie sich als eine nothwendigeFolge der vagen Verschwommenheit und Unklarheit derBegriffe herausstellt, leicht begreiflich.

Der Oberflächlichkeit, Phantasterei und Selbstüber-schätzung entspricht im Gefühlsleben Intensität undrascher Wechsel der Affekte. Jeder äussere Eindruck istvon einer lebhaften Gefühlsbetonung begleitet, der Stim-mungshintergrund in beständigem Schwanken begriffen.Depression und Exaltation, Verzweiflung, Schwärmerei undEnthusiasmus folgen einander, wo die normale psychischeKonstitution nur leise und leicht überwundene Störungendes gemütblichen Gleichgewichtes erkennen lässt. Das affek-tive Leben des Individuums befindet sich somit in einerhülflosen Abhängigkeit von den zufälligen Eindrücken deräusseren Umgebung, deren Einflüsse es nicht durch einegewolmheitsmässige Seelenruhe zu paralysiren im Standeist. So kommt es, dass auch das Hand'eln, dessen Motiveja gerade die Gefühle bilden, nicht auf Grund der kon-stanten Bewusstseinsdispositionen einesCharakters sicheinheitlich und konsecpient. entwickelt, sondern wesentlichunter der Herrschaft augenblicklicher und rasch wechselnderStimmungen und Einfälle sich vollzieht. Wankelmüthigkeitund Haltlosigkeit, Unüberlegtheit und Leichtsinn nach der