Druckschrift 
Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
Entstehung
Seite
345
Einzelbild herunterladen
 

Eiitwicklungsanomalien.

845

Als die Grundzüge der anergetischen Schwächezuständekönnen wir eine Unfähigkeit zur Abstraktion mitihren Folgen für die psychische Entwicklung, sowie einemangelhafte Ausbildung der höheren Gefühle be-zeichnen. Die Erkenntniss der Aussenwelt beschränkt sichauf das unmittelbar Gegebene und Naheliegende; die Vor-stellungen behalten ihre konkreten Formen, ohne sich zuBegriffen zu erweitern. Es können keine allgemeinen Ver-hältnisse aufgefasst, keine grossen Gesichtspunkte gewonnenwerden, sondern nur das Einzelne und Kleinliche geht inden Erfahrungsschatz des Individuums ein. Der Vorstel-lungsverlauf ist, wie Buccola durch direkte Messungen nach-gewiesen hat, verlangsamt; der Ideenkreis bleibt, abgesehenvon einer gewissen Beherrschung der alltäglich aufgenom-menen Wahrnehmungen, ärmlich und bewegt sich meist instereotypen Wendungen. Bei dem Mangel an selbständigergeistiger Tliätigkeit ist das Urtheil der Kranken ein sehrbeschränktes, unsicheres und wird vielfach durch äusserlicliangelernte Produkte fremder Intelligenz entscheidend beein-flusst. Ein Ueberblick über den Zusammenhang der Lehens-ereignisse, eine weitergehende Voraussicht der Folgeneigener und fremder Handlungen wird nicht erreicht. DiePhantasie, die Fähigkeit zu aktiver Reproduktion und Ver-knüpfung gewonnener Vorstellungen, ist nur in sehr be-schränktem Maasse ausgebildet, doch kommen in dieserBeziehung einseitige, hervorragende Begabungen, nament-lich auffallendes Zahlen- und Klanggedächtniss zur Be-obachtung.

Durch die Beschränktheit des Gesichtskreises, gewinnendie Zustände und Interessen der eigenen Persönlichkeit eineganz unverhältnissmässige Wichtigkeit für das Individuum.Je ärmer die Erfahrung, desto grösser ist die Rolle, welchedas Ich in derselben spielt. So kommt es, dass liier stetseine mehr oder weniger scharf ausgeprägte egoistischeRichtung des Gedankenganges und weiterhin auch derGefühle sich ausbildet. Die höheren logischen, ethischen,ästhetischen Gefühle, wie sie sich an die abstrakten Pro-dukte der intellektuellen Tliätigkeit, die Begriffe desWahren, Guten, Schönen, zu knüpfen pflegen, bleiben