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Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
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344 VII. Psychische Schwäcliezustiinde.

beeinflussen und auch auf Kinder zu wirken, die von ge-sunden, eingewanderten Eltern an den befallenen Oertlicli-keiten erzeugt werden. Andererseits ist der Kretinismuseiner hereditären Uebertragung fähig, auch nach der Aus-wanderung aus der inficirten' Gegend; er pflegt sich untersolchen Umständen erst nach wiederholter Kreuzung mit-gesundem Blute zu verlieren. Die einzelnen Formen desKretinismus sind nicht alle unter einander gleich; sie zeigeneinmal zahlreiche graduelle Abstufungen, dann aber auchVerschiedenheiten nach der Art der Verbildungen. Amhäufigsten scheint jedoch die oben schon erwähnte basilar-synostotische Form mit Verkümmerung der Schädelbasiszu sein.

Sehr selten ist der kretinistische Typus des Kindesschon bei der Geburt ausgesprochen; in der Kegel trittderselbe erst nach einigen Monaten oder selbst Jahren her-vor. Die psychische Entwicklung bleibt vollständig zurück;das Kind lernt erst in der zweiten Hälfte des ersten De-cenniums oder gar nicht gehen, ist apathisch, träge, schläftund isst viel. Die Zähne werden schlecht, die Zunge viel-fach dick und fleischig, die Haut derb und runzlig. DiePubertät tritt spät oder gar nicht ein; die männlichen Indi-viduen sind impotent, die weiblichen meistens steril. Im wei-teren Verlaufe bleibt der körperliche und geistige Zustandstationär; gewöhnlich erreichen die Kretinen kein hohesLebensalter.

Gegenüber diesen schwersten Formen körperlicher undgeistiger Verkümmerung tritt in den leichteren Graden derpsychischen Schwächezustände mehr und mehr die Fähig-keit zu aktiver Apperception, zu selbständiger Auf-fassung und Verarbeitung äusserer Eindrücke hervor. Esist dabei Sache der Uebereinkunft, wie viele Abstufungenman unterscheiden und an welchem Punkte man die Grenzegegenüber der Norm ziehen will. Auch hier kann man,wie ich glaube, Formen mit vorwiegend apathischem(anergetiscliem) und solche mit erethischem Charaktereinander gegenüber stellen, obgleich sich die Eigenthümlicli-keiten beider Gruppen vielfach bei demselben Individuummit einander mischen.