Druckschrift 
Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
Entstehung
Seite
308
Einzelbild herunterladen
 

308

V. Primäre Verrücktheit.

galvanischen Reaktion des Acusticus nachweisen. Am häufig-sten ist nach meinen Erfahrungen hei älteren Fällen dieUmkehrung der Brenner'sehen Formel für die einfacheHyperästhesie.

Die Grundlage der primären Verrücktheit ist diepsychopathische Disposition. Eine besondere Rollespielt die Erblichkeit, dann die mancherlei Schädlich-keiten der fötalen und kindlichen Entwicklung; endlich kommen bisweilen auch noch spätere prädisponirende Mo-mente in Betracht, namentlich der Alkoholismus. Nichtselten findet man bei den Kranken jene anatomischen Zei-chen einer unregelmässigen oder gestörten Entwicklung, dieman als Degenerationserscheinungen zu betrachten pflegt,Asymmetrien des Schädels, unvollkommene Ausbildung desganzen Körpers (pueriler Habitus), der Genitalien, häufigerdie funktionellen Andeutungen eines leicht erregbaren Ge-hirns, Krämpfe in der Jugend, gelegentliche Ohnmächten,psychisch die Erscheinungen, die wir später unter dem Ge-sichtspunkte der reizbaren Schwäche zusammenzufassenhaben werden.

Die Ausbildung der Krankheit schliesst sich bis-weilen an die physiologischen Entwicklungsphasen, nament-lich die Pubertät, das Klimakterium an; in der Regel be-stellt dieselbe schon Jahre lang, bevor die Umgebungdarauf aufmerksam wird, und hei irgend einer frappantenGelegenheit in dem bis dahin nur für excentrisch, sonderbar,verschroben gehaltenen Menschen den Kranken erkennt.Andererseits aber giebt es auch Fälle, in denen die Psychosehinnen ganz kurzer Zeit, Tagen oder Wochen, rasch einegewisse Höhe erreicht, stets in Begleitung lebhafter Auf-regungszustände maniakalischen oder melancholischen Cha-rakters. Es muss fraglich bleiben, oh diese im Ganzennicht so sehr häufigen, akut einsetzenden und meist auchakut verlaufenden Formen, trotzdem sie in symptomatischerBeziehung sich genau dem Bilde der primären Verrücktheitanschliessen, mit derselben zusammengeworfen werden dür-fen, zumal sie sich auch prognostisch sehr wesentlich vonihr unterscheiden.

Der Verlauf der primären Verrücktheit ist in der