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Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
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V. Primäre Verrücktheit.

Die Primordialdelirien sind somit Phantasievor-stellungen, welche eine schwache, haltlose psychischePersönlichkeit überwältigen und ihre Auffassung der Aussen-welt verfälschen. Wenn die melancholischen Wahnideenihre Macht über den Kranken dem krankhaften Affekteverdanken, der sie mit einer gewissen Energie in das Be-wusstsein erhebt und zugleich die ruhige Kritik beein-trächtigt, so ist es hier die Leichtigkeit, mit welcher sichdie Vorstellungen aneinander knüpfen, der Mangel anscharfen, bestimmt ausgeprägten Begriffen, die das Zustande-kommen der Primordialdelirien vermitteln. Dass associa-tive Leben ist reich entwickelt; überall fallen dem KrankenAelmlichkeiten und theilweise Uebereinstimmungen ins Auge,die ihn zur Annahme tiefliegender geheimnissvoller Be-ziehungen verleiten. Auch das Unscheinbare, Unbeachteteerhält für ihn wegen der Anklänge, die es in ihm erweckt,eine tiefere Bedeutsamkeit, und es kommt auf diese Weisezu einer symbolisch-mystischen Auffassung der Welt, inwelcher nicht die objektive Wahrnehmung, sondern diesubjektive Deutung, der vermeintliche Blick hinter dieKoulissen des Geschehens die Hauptrolle spielt.

Dem krankhaft geschärften und überall mit raffinirterBefangenheit beobachtenden Auge schwindet das Zufälligeund Bedeutungslose gänzlich aus der Welt; die eigenenüberall üppig und mit pathologischer Lebhaftigkeit auf-schiessenden Gedankenverbindungen liefern ihm den Stofffür die Konstruktion eines durchgängigen Zusammenhangesder äusseren Lebensereignisse. Wo der Gesunde vielleichtbei einer rasch korrigirten oder doch wenigstens sehr un-sicherenVermuthung stehen bleiben würde, da verhilftdie leichte Beweglichkeit der Phantasie dem Kranken so-fort zur Gewissheit. Dieser angeborene oder allmählichsich entwickelnde psychische Zustand ist es, der die gün-stigen Vorbedingungen zur Ausbildung der Primordialdelirienenthält. Meist giebt zunächst irgend ein äusserer Eindruckden ersten Anstoss zu dem -Auftauchen der Wahnidee ab,die dann rasch tiefe Wurzeln schlägt in dem schon langezu symbolisirender und subjektiver Verarbeitung der Er-fahrung hinneigenden Bewusstsein.