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Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
Entstehung
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Entstehung der Wahnideen.

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die Primordialdelirien durchaus den Charakter der Vor-stellungen haben, die plötzlich im Bewusstsein auftauchenund in demselben eine überraschende Macht erlangen.So kommt dem schon früher einmal citirten Verrücktenbeim Anblicke einiger Kastanien mit einem Male derGedanke, dass sie die Symbole der Herrschaft über diefünf Welttheile seien; einer anderen Kranken, die das Bilddes russischen Kaisers betrachtet, wird es plötzlich klar,dass derselbe ihr Vater sei. Ja, diese so unvermittelt inden Ideenkreis des Patienten eingetretenen Vorstellungenhaben schon im Augenblicke ihres Entstehens für denselbendie Eigenschaft unumstösslicher Wahrheit gewonnen; siehaften in dieser Form unverändert vielleicht für das ganzezukünftige Leben und modeln alle fernere Erfahrung nachsich, anstatt selber durch jene auf Schritt und Tritt korri-girt zu werden.

Der Grund für dieses eigenthümliche Verhalten liegtsicherlich nicht etwa in der besonderen Art der Vor-stellungen selbst, sondern er liegt in dem Zustande desvorstellenden Subjektes, in seiner mangelnden kri-tischen Widerstandsfähigkeit, in dem günstigen Boden,welchen die Primordialdelirien in der psychopathisch dis-ponirten Persönlichkeit vorfinden. Auch dem Gesundenschiessen ja oft genug derartige Vorstellungen durch denKopf, aber sie versinken sogleich wieder und werden durchandere Ideen verdrängt, um höchstens als Anknüpfungs-punkte für den Ausbau von Luftschlössern und müssigeTräumereien zu dienen. So sehen wir im Beginne derVerrücktheit nicht selten den Kranken lange mit den an-dringenden Wahnideen kämpfen; bisweilen gelingt es ihm,sie für einige Zeit in den Hintergrund zu drängen, aberimmer und immer wieder steigen sie herauf, bis die Wider-standsfähigkeit erschöpft und der Patient zum willenlosenSpielballe seiner krankhaft geschäftigen Phantasie gewordenist. Erinnert sei hier nur nebenbei an die Kritiklosigkeit,mit der wir im Traume die unsinnigsten Kombinationender persönlichen und sachlichen Verhältnisse trotz unseresbesseren Wissens ohne grosse Verwunderung als thatsächlichhinzunehmen pflegen.

Kraepelin, Comp. d. Psychiatrie. 19