Melancholia simplex; Melancholie mit Wahnideen. 203
B. Melancholie mit Wahnideen.
Dem im Vorstehenden entworfenen Krankheitsbilde dereinfachen Melancholie schliesst sich gewissermaassen als einehöhere pathologische Entwicklungsstufe ohne scharfe Ab-grenzung dasjenige der Melancholie mit Wahnideenan. Es wurde bereits angedeutet, dass die Alterationendes Gemüthslebens nicht ohne Einfluss auf die intellek-tuellen Operationen bleiben können, dass die Auffassung derAussenwelt durch sie ihre eigenthümliche Färbung erhält.Unter besonderen Umständen gewinnt diese Störung einesolche Ausdehnung, dass sie zur entschiedenen wahnhaftenVerfälschung des Bewusstseinsinhaltes führt. Eegelmässighaben die Wahnideen den gleichen depressiven Charakter,wie die herrschende Verstimmung; ihre inhaltliche Ausbil-dung im Einzelnen dagegen bietet verschiedene Eichtungendar. Meist handelt es sich dabei um die Interpretationäusserer Eindrücke oder innerer Zustände im Sinneder Krankheit („Erklärungsversuch“ Griesinger’s); sel-tener äussert sich der centrale Erregungszustand in wirk-lichen Sinnestäuschungen, die ihren Zusammenhangmit dem Vorstellungsverlaufe durch ihren gleichfalls melan-cholischen Inhalt verrathen. Endlich tauchen unter demEinflüsse der gemüthlichen Verstimmung auch selbständigauf associativem Wege im Bewusstsein depressive Ideenzunächst als Ahnungen, Vermuthungen auf, die aber aufdem günstigen Boden und hei der Unfähigkeit zu ruhigerKritik für das erkrankte Subjekt sogleich den Charakterder objektiven Gewissheit gewinnen.
Die einfachste Form der Wahnideen ist die Befürch-tung eines grossen Unglücks, einer bevorstehenden,nicht näher zu beschreibenden Katastrophe. Dieselbe lehntsich ganz an die „Ahnungen“ des gesunden Zustandes an;nur zeigt sie meist eine detaillirtere Ausbildung und erlangtrasch die Herrschaft über den Bewusstseinsinhalt. DerPatient fürchtet, schwer krank zu werden, zu verarmen,hat daher kein Geld, um das Essen zu bezahlen, glaubtplötzlich, dass seiner Frau, seinen Kindern irgend etwas