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Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
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IV. Allgemeine Diagnostik.

heit der gemiithlichen Ausbildung vorhanden sein, die unterUmständen eine pathologische Ausdehnung erlangen kann?Eine anthropologische, objektiv naturwissenschaftliche Be-trachtung der Immoralität führt uns somit zu dem Schlüsse,dass auch der Mangel sittlicher Gefühle nicht nur zweifellosder Begleiter bestimmter klinischer Krankheitsformen ist,sondern in seinen höheren Graden überhaupt ohne scharfeAbgrenzung in das Gebiet des Krankhaften hinüberspieltund als ein Symptom der Schwäche im Gemüthsleben zubetrachten ist, welchem im Bereiche des Verstandes diemangelnde Leistungsfähigkeit der intellektuellen Funktionengenau entspricht.

Es bleibt daher in derartigen Fällen bei der gericht-lichen Diagnostik der Geistesstörung bis zu einem gewissenGrade häufig Sache des subjektiven Ermessens, ob die ge-stellte Frage bejaht oder verneint werden soll. So zuver-lässig es fast stets gelingen wird, wenigstens bei längererBeobachtung, das Bestehen einer Manie, Melancholie, Ver-rücktheit oder gar einer Dementia paralytica mit Sicherheitzu erweisen oder auszuschliessen, so rathlos steht selbstder ausgezeichnetste Scharfsinn den graduellen Abstufungendes Schwachsinnes, vor Allem des angeborenen, gegenüber.Die Schuld dafür trifft gewiss nicht die Psychiatrie, sondernlediglicli die richterliche Fragestellung, welche nur scharfeGrenzen zwischen Zurechnungsfähigkeit und Unzurechnungs-fähigkeit kennt, alle die zahllosen Uebergangsformen abereinfach ignorirt. Vielleicht wird auch uns noch ein ein-gehenderes Studium des Schwachsinnes zu einer schärferenErfassung der krankhaften Erscheinungen verhelfen; dieUeberwindung der prinzipiellen Schwierigkeiten aberund die Gewinnung allgemeiner unzweideutiger Gesichts-punkte kann sicherlich nur durch eine andere Formulirungder forensischen Fragen an den ärztlichen Sachverständigenerreicht werden.

B. Diagnose der Simulation.

Erheblich einfacher liegt die Aufgabe dort, wo nichtallgemein die Entscheidung über das Bestehen geistiger