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Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
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Diagnose der Geistesstörung.

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übermässige, wie diese ungenügende Entwicklung aus krank-haften Ursachen hervorgegangen sein. Die pathologischeZornmütliigkeit (Iracundia morbosa) geht ganz allmählichin die Leidenschaftlichkeit des Cholerikers über, die ihnvielleicht zum Afi'ektverbrechen treibt, und die leichtendepressiven Verstimmungen des Neuropatliisclien sind nurSteigerungen der oft ebensowenig objektiv motivirten melan-cholischen Anwandlungen des Pessimisten, die ihn an demWertlie des Daseins verzweifeln lassen. Der Selbstmord inden letzteren, der Mord in den ersteren Fällen sollte jenach der Krankhaftigkeit oder der normalen Beschaffenheitdes Gemüthszustandes eine gänzlich verschiedene moralischeQualifikation erhalten, aber auch die- genaueste Analysevermag hier oft die Grenze nicht zu finden, aus dem trif-tigen Grunde, weil dieselbe nicht existirt.

Noch schlagender tritt dieses Verhältniss hervor, woder krankhafte Mangel der sittlichen Gefühle von derblossenethischen Depravation abgegrenzt werden soll. Sowenig wie der Mangel einer Niere in einem Falle krank-haft sein kann, im andern nicht, so wenig geht es an, einenormale sittliche Verwilderung neben einer pathologischenaufzustellen. Ein Defekt ist und bleibt ein Defekt, mager angeboren, erworben oder wie immer entstanden sein;nur nach der Grösse desselben kann man normaleund krankhafte Grade unterscheiden, wie ja auch dieKleinheit der Niere erst unter einer gewissen, ziemlich will-kürlichen Grenze anfängt, pathologisch zu werden. Wennder Verlust der höheren moralischen Gefühle als Theil-erscheinung gewisser Krankheitsprocesse vorkommt (z. B.Dementia paralytica), so schliesst dieser Umstand nicht aus,dass auch der durch sittliche Verwahrlosung erzeugte De-fekt, sobald er ein gewisses Maass erreicht hat undnicht, beseitigungsfähig ist, als krankhaft zu betrachten sei.Jedes Organ unseres Körpers bedarf der Uelmng und Aus-bildung, um die geforderte Arbeit leisten zu können; derunerzogene Taubstumme bleibt anerkanntermaassen auf derpsychischen Entwicklungsstufe des Schwachsinnes stehen;sollte allein der moralisch Unerzogene eine Ausnahmemachen, sollte nicht bei ihm ebenfalls eine Unvollkommen-