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Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
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IV. Allgemeine Diagnostik.

segensreiche Entfaltung verkümmert. Es ist endlich keinZweifel, dass auch das wirkliche Genie nicht selten einegewisse Verwandtschaft mit den letztgenannten Formen desSchwachsinnes erkennen lässt. Die überraschende Kühnheitder Kombinationen, die Lebhaftigkeit der Phantasie, dieVernachlässigung des Details sind Züge, die beiden Ver-anlagungen gemeinsam sind, aber sie werden heim Geniedurch die gleichzeitige Ausbildung des regulativen Ver-standes in sicheren Grenzen gehalten, während sie dortgänzlich die Herrschaft über die intellektuellen Vorgängegewinnen. Gleichwol deutet sich doch auch hei derar-tigen Kranken nicht selten durch unerwartete Wendungenund vereinzelte treffende Apergus jene Verwandtschaft an,wie ja andererseits auch das Genie neben glänzendenLeistungen fast regelmässig unbegreifliche Schwächen er-kennen lässt. Sehr wichtig ist es für diese Frage, dassGenialität und psychopathische Belastung sich häufig inderselben Familie neben einander vorfinden.

Von grosser Tragweite und darum von jeher am eif-rigsten versucht worden, ist die Abgrenzung des Krank-haften von der Gesundheitsbreite auf dem Gebiete desGefühlslebens und des Handelns, die wir hier gemeinsamins Auge fassen wollen. Hier gilt es ganz besonders, jeneHandlungen, welche aus pathologischen Motiven entsprungensind, abzutrennen von denjenigen, die ihre Quelle in un-moralischen Beweggründen haben. Man wird hier nichtlange im Zweifel sein, wenn es gelingt, eine Wahnidee,eine Sinnestäuschung oder auch ein unmotivirtes Angst-gefühl, einen triebartigen Drang als die Ursache der Tliataufzufinden. Die allergrössten Schwierigkeiten indessenbeginnen sofort, sobald nicht qualitative Veränderungen derGefühle, sondern nur graduelle Abstufungen derselbender ärztlichen Beurtlieilung unterliegen. Jede menschlicheHandlung kommt dadurch zu Stande, dass die treibendenMotive das Uebergewiclit über die etwaigen hemmendenGegenmotive erlangen. Eine unmoralische Handlung kannsomit entweder auf einer starken Ausbildung der unmora-lischen Antriebe oder aber auf einem Mangel der mora-lischen Hemmungen beruhen, und endlich kann sowol jene