Druckschrift 
Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
Entstehung
Seite
57
Einzelbild herunterladen
 

Geschlecht.

57

die statistische Häufigkeit des Irreseins im Allgemeinenkeine erheblichen und sicheren Differenzen zwischen beidenGeschlechtern erkennen lässt. In Wirklichkeit dürfte eskaum zweifelhaft sein, dass das Weib mit seiner zarterenOrganisation, mit der geringeren Ausbildung der intellek-tuellen Punktionen und dem stärkeren Hervortreten desGefühlslebens eine geringere Widerstandsfähigkeit gegen diephysischen und psychischen Ursachen des Irreseins besitzt,als der Hann. Allein die Bedeutung dieser Prädispositionfür die wirkliche Häufigkeit psychischer Erkrankungen wirdausgeglichen durch die relativ geschützte Stellung, die dasWeib dem unvergleichlich mehr exponirten Manne gegenübereinnimmt. Alle jene Schädlichkeiten, die der Kampf umsDasein mit sich bringt, treffen in erster Linie und vor-wiegend den Mann, dem die Sorge für die Familie obliegt,wenn auch die Miihsalen des Lebensunterhaltes für das un-verheirathete Weih vielfach weit grösser sein mögen. Fernerist vor Allem auf die Wirkung der Excesse nach den ver-schiedensten Richtungen hinzuweisen, Gefahren, denen ganzvorzugsweise der Mann wegen der socialen und ökonomischenUnabhängigkeit seiner Stellung ausgesetzt ist, während dasWeih, durch Erziehung und Sitte gebunden, stets ein ein-tönigeres, regelmässigeres und ruhigeres Leben zu führengezwungen ist. Wo dieser Zwang einmal durchbrochen undder Leidenschaftlichkeit der weiblichen Individualität freierSpielraum gegeben ist, bei Prostituirten, sehen wir dahersofort die geringere Widerstandsfähigkeit des weiblichenGeschlechtes in erschreckenden Procentsätzen des Irreseinsund der Selbstmorde zum Ausdruck gelangen.*)

Die besondere Aetiologie der weiblichen Psychosen wirddurchaus beherrscht durch die Zustände des Genital-apparates. Die Bedeutung der Sexualerkrankungen, derSchwangerschaft, des Wochenbettes, der Laktation ist schonfrüher berührt worden; hier sei nur noch des Klimakteriumsgedacht. Die mannigfachen Umwälzungen und Störungendieser Periode führen nicht selten psychische Alterationenherbei, die in mancher Hinsicht (Schwäche) Aehnlichkeit mit

) v. Oettingen, Moralstatistik. 3. Auflage, 1882.