12
Einleitung.
psychologischen Wurzeln entspringen möchten, wie die naiveNatur- und Weltauffassung unentwickelter Naturvölker.
Der zweite, entschieden am meisten betretene Wegpsychiatrischer Forschung ist die klinische Beobach-tung der Kranken und die Begistriruug der wahr-genommenen krankhaften Erscheinungen. Sie allein vermages, die erfahrungsgemässe Vergesellschaftung der psychischenSymptome, die Zusammensetzung der „Krankheitsbilder“festzustellen und das Band zwischen psychischen und phy-sischen Störungen wirklich zu knüpfen. Leider sind jedochauch nach dieser Richtung hin die erreichten Resultate bishervielfach umstritten geblieben, nicht sowohl, weil die Einzel-beobaclitungen selbst zweifelhaft oder nicht ausreichend ge-wesen wären, als vielmehr deshalb, weil die Deutung der-selben, die Auffindung des inneren Zusammenhanges derErscheinungen, in sehr verschiedener Weise versucht wordenist. Im Gebiete der somatischen Forschung wäre diesesZiel erreicht, wenn es gelänge, alle Symptome auf die Ver-änderungen in Zusammensetzung und Zusammenwirken dereinzelnen Elementarbestandtheile des Organismus zurückzu-führen; ebenso erfordert ein tieferes Verständniss der psy-chischen Störungen unbedingt die Auflösung der gegebenenSymptome in ihre letzten Componenten und die Zurück-führung der so gewonnenen elementaren Alterationen despsychischen Geschehens auf allgemeinere krankhafte Ver-änderungen der psychischen Grundfunktionen.
Die klinischen Bestrebungen der Psychiatrie könnensomit nur dann von Erfolg sein, wenn derselben durch einewissenschaftliche Psychologie eine exakte Analyse der psy-chischen Elementarerscheinungen und eine fest begründeteKenntniss der fundamentalen psychischen Funktionen andie Hand gegeben ward. Ohne die Erfüllung dieser Forde-rung stehen wir den psychischen Störungen (cum grano salis!)ähnlich gegenüber, w r ie etwa dem Harn ohne die Hülfsmittelchemischer und physiologischer Kenntnisse; die Eruirung derwirklich pathologischen Bestandtlieile, geschweige denn dieRückbeziehung auf diese oder jene organische Erkrankung,wäre ohne jene Erfahrungen unmöglich. Der empfindlicheMangel einer verwerthbaren Psychologie ist es daher, auf