77
der Verdeutschung.
nig Participien —wie bleibt da der Deutsche, wenn gleich nicht eben viel hinter dem Lateiner, doch hinter demErichen zurück! Und doch könnten wir mehre haben, haben sie auch wirklich ursprünglich gehabt. Ich meine vor-nehmlich ein thätiges Participium der vergangenen Zeit, ein dem Französischen ayant aime ähnliches: geliebthabend. Daß dis ein ursprünglich Deutsches Participium ist, erhellet schon daraus, daß es noch jetzt die Töch-ter unserer Sprache, die Holländische und Englische, haben und mit sehr großem Vortheil gebrauchen. Auch binich nicht einmahl der Erste, der diesen Vorschlag gethan. Wenigstens sagt Hr. Heynatz in seiner Sprachlehre S.215: „die zusammengesetzten Participia : der geredet habende, der reden werdende, der reden wol-lende, haben keinen Beifall gefunden." — Aber ob sie ihn nicht verdienen sollten? Mich dünkt, wer eS mit sei-nen Ohren oder mit seiner Lunge gut meint, und jemahls gefühlt hat, was für ein langweiliges, gedehntes Gc-schlepp öfters unsere durch eine Menge steifer Bindewörter zusammengeklammerten ellenlangen Perioden machen, unddoch auch nicht überall einen zerschnittenen bandfoftn Stil (Schreib-art) gebrauchen will, der wird den vorgeschlage-nen Kandidaten sehr gern seine Stimme geben. *) Die Erichen gebrauchten ihre passiven Participien, obwvl gegenalle philosophische Grammatik, und ohne alles Bedürfniß, auch sehr oft in activer Bedeutung, so daß ihnenzwar meyrentheils gethan bedeutete, oft aber auch den, der gethan hat. Dis ahmten die Lateiner nach,durch wirkliches Bedürfniß gerechtfcrtigct. Um ein thätiges Participium der vergangenen Zeit zu gewinnen, pfropf-ten sie den passiven Participien (den leidentlichen Mittelwörtern) aktive (thätige) Bedeutung auf. Dis ist der wahre,von ältern und neuern lateinischen Grammatikern verkannte und verwirrte Ursprung der sogenannten deponenren Zeit-wörter,") deren größten Theil wir eben daher bei den ältesten, noch nicht so mit Grichenlands Sprachen bekann-ten, Lateinischen Schriftstellern fast immer in aktiver Form finden. Doch mit der Zeit verschwand der alte Ge-brauch immer mehr und mehr, ließ nur hie und da durch den Gebrauch einer doppelten Form und Bedeutung Spu-ren zurück, und was anfänglich nur in Ansehung des Participiums geschehen, geschah nun, wieder nach dem Vor-gänge der Erichen, auch in den übrigen Formen und Abwandlungen. — Wollen wir weniger kühn und unterneh-mend als die Römer sein, zumahl da diese ein fremdes Gebiet plünderten, wir hingegen nur ein Verlornes (nicht et-wa ein absichtlich und aus freier Entschließung nach Gründen aufgegebenes?) Land wieder erobern dürfen?"
Auch Hr. Hillmer widmet in seinen Bemerkungen und Vorschlägen zu Bereicherung derDeutschen Sprache, derjenigen Sprachbereicherung, die durch Aufnahme ganzer Redensarten, Wortfügun-gen und Wendungen geschieht, einen besondern Abschnitt, woraus ich hier noch Folgendes anzuführen für nütz-lich erachte:
„Er macht mich lachen, glauben u. f. w. Der Israel sündigen machte. Luth. Ein un-entbehrlicher Gallicism (Franz. Sprach-cigenheit); weil wir kein eigenes Hiphil und Hüphal haben, und unser las-sen, befehlen rc. jenes nicht immer ersetzt, vielmehr den Gedanken oft nur halb und schwankend ausdruckt." Die.sem stimme ich bei.
„Einem den Krieg mach en, ist wenigstens besser, als: mitKrieg überziehn." Wolverstandcn,die Redensart in uneigentlichem Sinne gebraucht, für einem Händel machen; denn sonst haben wir das nochbessere und zugleich kürzere Zeitwort. bekriegen.
„Hingegen
•) Ich muß doch gestehen, daß ich in Ansehung der thätigen Mittelwörter (activen Participien) der vergangenen Zeit, noch einigesBedenken trage, und zwar aus folgenden Gründen : 1. will die Nothwendigkeit dergleichen Mittelwörter zu gebrauchen, mir noch«icht recht einleuchten. Der gute, an Wendungen reiche Schriftsteller scheint sie füglich entbehren zu können, ohne deswegen ebengezwungen zu sein, „entweder überlange, durch steife Bindewörter zusammcngcklammectt Glicdcrsatze (Perioden) zu machen, oderüberall in zerschnittener Und bandloscr Schreib-art zu reden." Ich berufe mich hier, statt änderet Gründe, nur auf das Beispielunserer Musterschriften; 2. besorge ich auf der andern Seite, daß der Gebrauch jener Mittelwörter, besonders wenn er nicht mitweiser Sparsamkeit geschähe, unsere Schreib -are noch viel schleppender machen und die ganze Schwerfälligkeit der OberdeutschenKanzleisprache zurückfübreü dürfte, welche Besorgniß mir, dem Versuche darüber angestellt habenden, die vorge-schützt werden wollende Wichtigkeit jenes Gebrauchs ju überwiegen scheint«
»») Ich habe über diese Bemerkung nur noch folgenden Zweifel. Wen» dis der Grund zur Bildung der deponente» Lateinischen Zeit-wörter war, woher kommts, daß dieses Bedürfniß nur bei einigen, nur bei den wenigsten, nicht bei allen Zeitwörterngefühlt wurde? Daß die Zahl der in Deponentis verwandelten Zeitwörter geschloffen und nicht täglich vermehrt wurde? Und warNöthigte die Römer, einem Zeitworte in allen seinen Umwandlungen die leidende Fprin zu geben, wenn ste uur das leidende Par-ticipium nöthig hakten?