4Jie Preisfrage deS königl. Gelehrtenvercins zu Berlin, wodurch diese Abhandlung veranlaßt wurde,umfaßte folgende fünf Aufgaben: i. Ist vollkommene Reinheit einer Sprache überhaupt, und der Deutschen insbeson-dere, möglich? 2. Ist sie nothwendig? Z. Wie weit kann und muß bei dem Bestreben, unsere Sprachezu reinigen, gegangen werden? 4 . Welche Theile des Deutschen Sprachschatzes bedürfen vorzüglich die Absonde-rung des Fremd-artigen; in welchen andern hingegen würde die Absonderung unthunlich oder nachtheilig sein? Z. Wieund nach welchen Grundsätzen muß die Reinigung und die Bereicherung der Deutschen Sprache geschehen?Hier ist das Wesentliche von dem was ich auf diese Fragen geantwortet habe, mit einigen Verbesserungen:
Also:
I.
Ist vollkommene Reinheit einer Sprache überhaupt, und besonders der Deutschen, möglich?
Der Begriff, den wir mit dem Ausdrucke, vollkommene Sprachreinheit, verbinden wollen, wirdund muß über diese erste Frage allein entscheiden.
Denken wir uns unter einer vollkommen reinen Sprache eine solche,
„die sich mit keiner andern Sprache in irgend einem Punkte berührte, also weder einzelne Wörter, noch Bie-gungs- und Verbindungsarren der Wörter, mit irgend einer andern Sprache gemein hatte:"
so ist zuvörderst ganz von selbst einleuchtend, daß dieser Vorzug, wenn es einer wäre, nur einer Ursprache, undzwar einer Ursprache im eigentlichsten und engsten Sinne des Worts, also keiner von allen jetzt be-kannten Sprachen in der Welt, zukommen könnte. Jede Sprache, welche von einer andern abstammt — sie sei übri-gens auch noch so alt; sie sei in Ansehung anderer, von ihr wiederum abgeleiteter Töchtersprachen, selbst Ursprache,so viel sie will— hat und behalt, svwol mit ihrer Mutter, als auch mit ihren Schwestern und Töchtern, immer noch —wenigstens etwas gemein. Sie kann also in jenem Sinne des Worts unmöglich rein sein.
Aber auch selbst die eigentliche Ursprache — angenommen, daß es nur Eine gab, und daß diese in ihrer ganzenVollkommenheit auf einmahl da war; eine Voraussetzung, die in Ernst wol niemand annehmen wird — konnte dieseReinheit nur so lange, und nicht langer behaupten,.als sie die einzige menschliche Sprache auf Erden war, also nurso lange und nicht langer, als noch keine Töchtersprachen sich aus ihr entwickelt hatten, und als noch keine andere Ur-sprache in irgend einer andern Weltgegcnd unter andern Menschen, es sei aus welche Weise es wolle, entstanden war.Sobald nämlich jene aus ihrem Schooßc hervortraten, hatten sie natürlicher Weise mit ihrer Mutter, anfangs dasmeiste, in der Folge vieles, und nachher immer wenigstens etwas gemein; und sobald außer ihr der Ursprachen,in welchem Weltthcil es auch sein mochte, mehre entstanden: so mußten auch diese, weil sie, gleich ihr, von Men-schen und für Menschen gebildet wurden, also der menschlichen Empfindunqsart, dem menschlichen Denkvermögen undden menschlichen Sprachwerkzcugcn angemessen waren, nothwendig irgend etwas gemeinschaftliches mit einander svwol,als auch mit der ältesten Ursprache, haben; die Entfernung der Weltgegend, worin jede entstand, und die zufällige Ver-schiedenheit der Menschen, die sie erfanden und ausbildeten, mochten übrigens so groß und auffallend sein, als sie im-mer wollten. Die Erfahrung stimmt hiemit auf das vollkommenste überein. Nicht nur alle ältere und neuere Europäi-sche Sprachen unter sich, sondern auch jede von diesen, mit jeder andern in andern Welttheilen jetzt noch, oder ehemahlslebenden Sprache verglichen, zeigen sowol in Ansehung der Laute einzelner Wörter/ als auch ift Ansehung ihrer Sie«gungs-Umwandclungs- und Vcrbindungsartcn, Gleichheiten und Aehnlichkeiten, die oft bis zum Einerleisein gehen, unddie den herleitender: Worrforschern von jeher die erwünschteste Gelegenheit gewährten, durch Entfaltung einer üppigen
A 2 Sprach-