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Grundsätze, Regeln und Gränzen
Mißverständnissen Anlaß gebe, welches besonders dann leicht geschehen kann, wenn ein ausländisches Wort, in unei-gentlicher Bedeutung genommen, mit einem Deutschen verwechselt wird, welches zwar die eigentliche, aber nicht dieuneigentliche Bedeutung von jenem hat. Zum Beispiele diene die Französische Benennung einer neuen Frauenzimmer-kleidung, Chemise. Wer dis durch Hemd übersetzen und nun erzählen wollte, daß diese oder jene Frau im Hem-de ausgegangen sei, der würde, besonders für den, dem der Französische Sprachgebrauch unbekannt wäre, et-was sehr auffallendes sagen. Hier müßte also die wörtliche Ucbersetzung vermieden, und dem Mißverständnisse durchirgend einen näher bestimmenden Zusatz — etwa durch Hemd kleid — vorgebaut werden.
Am allervorstchtigsten müssen wir in Ansehung der wörtlichen Uebersetzungen da sein, wo wir ganze Redensar-ten und Wendungen, und mit ihnen solche Eigenthümlichkeiten einer fremden Sprache, die ihr bisher ausschließlich zu-kamen, in die unsrige übertragen wollen. Unser Befugniß dazu wird durch folgende drei Regeln bestimmt.
1. Wir müssen einen wirklichen Mangel oder, eine Unvollkommenheit in unserer Sprache zeigen können,die durch dergleichen Übertragungen gehoben werden sollen; weil eine Vermehrung der Zahl unserer Wörter, Redens-arten und Wendungen, die ohne vernünftige Absicht geschieht, keine B e rei ch e ru n g, sondern eine U e b e r lad u n ggenannt zu werden verdient. Sich an etwas fremd-artiges zu gewöhnen, kostet unserer Zunge, wie unserm Ohre,allemahl, wenigstens einige Mühe; und diese um nichts zu unternehmen, würde thöricht sein. Warum wollten wirz. B. uns zwingen, in Deutsch-französischer Wortverbindung zu fragen: gefallen Sie sich hier? da wir dennämlichen Sinn eben so gut, oder vielmehr besser, ganz Deutsch durch: gefällt es Ihnen hier? ausdruckenkönnen. Wenn hingegen G e ß n e r seine Eva sagen läßt: ich habe die Erste gesündiget; oder Göthe:
Wenn in der Schule das Lesen und Schreiben und Lernen dir niemahlsWie den andern gelang, und du immer der Unterste saßest:
so scheint dis, weil unser zuerst einen Doppelsinn gibt, und das umschreibende, als der Unterste, schleppendist, um so mehr wolgethan zu sein, da schon Luther den nämlichen fremd-artigen Sprachgebrauch aufgenommenhat, indem er Joh. 5. 4. sagt: welcher nun der Erste hineinstieg.
Das obige gilt übrigens auch von dem Uebertragen fremd-artiger Wortstellungen, die sich manche, sonst guteSchriftsteller, oft ohne begreiflichen Zweck, oft sogar zu offenbarer Verminderung der Deutlichkeit sowol, als auchdes leichten und gefälligen Gedanken- und Wvrtfluffes, folglich zur Verletzung zweier Haupt-eigenschaften einer gu-ten Schreib-art, erlauben. Ich muß diese Neuerung sogar auch dann mißbilligen, wenn zwar eine an sick, natür-lichere, aber dem unserer Spräche nun einmahl eigenen, ihr, wenn ich sagen darf, nun einmahl zur Natur gewor-
denen Gange widerstrebende Wortstellung dadurch erreicht werden soll; wie wenn z. B. Platncr in seinen Apho-rismen (kurzen Lehrsätzen) *) schreibt: „daß mit einer Vorstellung verbunden ist Bewustsein ■— dis hängt ab vondem Grade u. s. w." Wozu diese Versetzung der Wörter? Ich gebe zu, daß die dadurch entstandene Wörterfolgezwar an sich selbst natürlicher, als die gewöhnliche ist, und daß wir also, wenn es darauf ankäme, für eine ganzneue Sprache den ihr anzuweisenden Gang zu wählen, ganz wol thun würden, ihr jene und nicht diese zum Gesetz
zu macken; allein da bei unserer Deutschen Sprache diS jetzt nicht mehr der Fall ist; da ferner die Uebersicht der
Begriffsfolge für uns, die wir an die alte, unserer Sprache eigenthümliche Begriffs - und Wortstellung nun einmahlgewöhnt sind, nicht erleichtert, sondern erschwert wird; und da endlich für uns und unser Ohr der Wolklangdadurch nicht vermehrt, sondern vermindert, die Wortstellung dadurch nicht gefälliger, sondern steif und gezwungenwird: so thun wir, glaube ich, besser, Neuerungen dieser Art zu vermeiden; es müßte denn sein, daß in besondernFällen wirklich ein bedeutender Vortheil — größere Deutlichkeit, oder stärkerer Nachdruck — dadurch erreicht werdenkönnte. Nur Kindern und Jünglingen hält man Tanzmcistcr, die ihnen die Füße zurecht setzen müssen; bei Män-nern, die ihren eigenthümlichen festen (Gang einmahl angenommen haben, würde diese Bemühung entweder vergeb-lich sein, oder, wofern sie mit Gewalt durchgesetzt werden sollte, leicht Verrenkungen nach sich ziehen, die mit Steif-heit endigen könnten.
2. Die aufzunehmende Eigenthümlichkeit der fremden Sprache muß dem Geiste und den Eigenheiten derunsrigen nicht zuwider sein. Die Uebereinstimmung einer Sprache mit sich selbst, wie mit den geistigen, sittliche»und ländlichen Eigenheiten des sie redenden Volks, ist dasjenige, über dessen Erhaltung am sorgsamsten gewacht wer-den
*) Neue Ausgabe 5. 133.