der Verdeutschung.
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„Hier, sagt ein scharfsinniger Sprachforscher, *) ist desto größere Behutsamkeit anzuwenden, je leichter uns,wie beim Anblicke alles Fremden, die Neuheit auffällt, und mit der Meinung täuscht, daß die Bezeichnung des Be-griffs uns noch ganz fehle, weil es uns an der nämlichenBezeichnungs-art desselben in unserer Sprache fehlt. Unddoch ist es gar oft nicht der unterliegende Begriff, nicht die Fähigkeit, ihm mit einem schon vorhandenen Worte zubezeichnen; es ist nur diesö Form der Bezeichnung, diese Gestalt, dis Gewand des Begriffes, was uns man-gelt; dieses Bild, unter dem ihn die fremde Sprache vorstellt, da wir ihn unserseits mit einem andern Bilde zu be-zeichnen gewohnt sind. Aber das ist denn doch im (n) Grunde kein wirklicher Mangel; folglich entsteht hier auchkein Bedürfniß eines neuen Ausdrucks. Neo enim imitari, sagt Seneca, **) et transferre verba, ad illo-rum formam, necesse est; res ipsa, de qua agitur, aliquo signandanomine est, quod appelatio-nis Graecae vim debet habere, non faciem; eine Anmerkung, die er bei der Gelegenheit machte, da erdas Griechische Wort t\3v[u'x durch tranquillitas übersetzte. — Im (n) Ganzen ist es doch gut, daß jede Spracheihre Eigenheiten in der Bezeichnungs-art und bildlichen Andeutung behalte. So darf der Deutsche seinen Ueber rocknicht in einem Ucbcr,all, oder seinen Zahnstocher in einen Zahnheiler oder gar Zahnarzt verwandeln,weil der Franzose Sartout Cure - dent sagt; so wenig der Franzose um des Deutschen willen seinen doigtier incha-peau de doigt, und seinen gant in soulier de main umformen wird."
Da örtliche Ursachen und das, was wir Zufall nennen, in die eine Sprache diese, in die andere jene bild-liche Ausdrücke gebracht haben, und da dergleichen eigenthümliche Ausdrücke einen Theil des Unterscheidenden ei-ner Sprache ausmachen: so ist es gut, daß sie ihr auch eigen bleiben. Wenigstens müssen diese Eigenthümlichkei-ten nicht ohne Noth oder ohne daß ein begreiflicher Nutzen dadurch erreicht werden kann, aus der einen Sprache indie andere übergetragen werden. Man würde sogar den Zweck, „das Nämliche gerade auf die nämliche Weise aus-zudrucken," dadurch meistentheils ganz verfehlen. Denn da dergleichen Ausdrücke, in der Sprache, der sie eigensind, durch den langen Gebrauch ihre bildliche Kraft so gut als ganz verloren haben, indem sie nunmehr in derSeele des Hörenden oder Lesenden nur noch die Vorstellung des dadurch bezeichneten Gegenstandes, und nicht zugleichdie des Bildes, unter welchem er dargestellt wird, zu erwecken pflegen, und nach der Absicht des Redenden erweckensollen: so würde eine wörtliche Ucbersetzung derselben dieser Absicht geradezu entgegenarbeiten. Was vorher dunkler,oder schon ganz verschwundener Nebcnbegriff war, würde nun, wegen der Neuheit des Bildes, in der Seele desHörenden zum Hauptbegriffc erhoben, und was vorher Hauptbegriff war zum Ncbcnbegriffe erniedriget werden. Manwürde mehr das Bild, als die Sache denken,^ da doch das Gegentheil sein sollte.
Ein anderes ist es, wenn, nach der Absicht des Redenden, das Bild, welches ein Wort darbietet, in derSeele des Hörenden wirklich erweckt werden soll; so daß der Sinn und der Nachdruck der Rede davon abhängt,daß das nämliche Bild in der Uebcrfttzung beibehalten werde. Dann ist die wörtliche Ucbcrsctzung, sollte sie übri-gens auch noch so fremd oder sonderbar klingen, an ihrem rechten Orte angebracht. Dis ist z. B. der Fall mit dem,seit einiger Zeit so stark gebrauchten, nengcprägten Französischen Worte Sans - culotte. Denn wenn jemand die be-rühmten Worte des berühmten Hrn. Anacharsis Clovts: mon ame est sans-culotte, durch: meine See-le ist arm, oder m ei ne S e ele i st p ö b cl haft, übersetzen wollte: so würde er zwar wol etwas ganz wahres,aber nicht das gesagt haben, was Hr. Cloots eigentlich damit wollte. Hier muß also wörtlich übersetzt werden.Sollte hingegen jemand, um bei dem nämlichen Beispiele stehen zu bleiben, die Treue in der Ueberlieferung nochweiter treiben, und etwa gar auch das in dem Worte Culotte, vermöge seiner Herleitung, liegende Bild übertra-gen zu müssen glauben: so würde, sollte ich meinen , Hr. Cloots selbst ihm wol kaum Dank dafür wissen.
Hieher gehören nun auch diejenigen eigenthümlichen Ausdrücke einer Sprache, die ihren Grund in einer nichtgerade nachahmungswürdigen Geistes - eigenheit des sie redenden Volkes haben; wie z. B. die bekannten FranzösischenUebertreibungen: il-y-a une Äternitö, für es ist lange, un million degraces, für vielen Dank! u. s. w.Das wörtliche Uebertragen solcher Ausdrücke kann nur da gerechtfertiget werden, wo es, wie z. B. bei der Darstel-lung eines jungen Deutsch-französischen Gecken auf der Bühne, darauf ankommt, das darin liegende Uebertricbcne— Lächerliche oder Abgeschmackte — fühlbar zu machen.
Noch verdient hier angemerkt zu werden, daß wir bei dieser, wie bei jeder andern Art von Verdeutschung, zuvermeiden suchen müssen, daß das Deutsche Wort, welches wir an die Stelle eines ausländischen setzen, zu keinen
Mißver-
") Hr. Hosr. Eschenburg im Braunschw. Magazin 1742.
") De tranquill. anlau. c. 3.
K
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