7a Grundsätze, Regeln und Gränzen
Es würde nicht schwer fallen, Beispiele von dergleichen Uebertreibungen sogar bn unsern guten Schriftstel-lern nachzuweisen. Klopstock hat stein H eili g er öm isch e r e i ch s - und Hei l i g erb mi sch e r e i ch d eu t-schernazionsPerioden belacht. Die Begierde, gedrungen zu schreiben, reißt oft zu diesem Fehler hin. Al-lein es bedarf ja wol keines Beweises, daß Wörter nicht mit Ellen ausgemeffen oder nicht so lang sein müssen,daß man, um sie aussprechen zu können, Ruhepunktc durch Unterscheidungszeichen darin anzubringen stch genöthi-get sehen würde. Vermeiden wir also dergleichen Z u samm ensetz un gsb ertrei bun g e n, so wie überhauptalle diejenigen, welche durch Anhäufung harter Mitlauter, oder durch ein Zusammentreffen solcher Silben, derenjede schon für sich keinen Wollaut gibt, schwerfällig und übelklingend werden.*)
Die Regeln der Sprachlehre für die Bildung der zusammengesetzten Wörter gehören nicht hieher; doch kannich nicht unangemerkt lassen, daß selbst von unsern guten Schriftstellern häufig dagegen gefehlt zu werden pflegt, in-dem man den zweiten Biegcfall (casus) bald in den Zusammensetzungen angibt, da, wo er. nicht hingehörte, baldnicht, wo es doch geschehen müßte. Sogar Adelung ist von diesem Fehler nicht ganz frei geblieben. Er hat z. B.Bullenkalb statt Bullkalb (das Kalb des Dullen, statt das Kalb, welches ein Bulle ist) aufgenommen, un-geachtet er in ähnlichen Fällen (wie z. B. bei Bocklamm) diesen Unterschied wol beobachtet bat. Ebenso unrich-tig hat er Hunds mag er für Hund mager geschrieben, da er doch baumstark, pechschwarz, steinhart,und nicht baumsstark, pechsschwarz, und steinshart sagte. Ueberhaupt herrscht hier noch etwas schwankendes in derSprache, und die Fälle, wo das erste Work in der Zusammensetzung ein Endungs-s haben oder nicht haben muß,scheinen noch einer genauern Bestimmung zu bedürfen. Ich habe meine Gedanken darüber in den Beiträgenzur weitern Ausbildung der Deutschen Sprache (St. Z. Seite 106 u. folg.) ausführlich ausein-andergesetzt.
Ich wiederhole hier den schon einmahl von mir gethanen Vorschlag, die einzelnen Wörter, die in unsernZusammensetzungen zu einem einzigen verbunden stnd, wieder., wie ehemahls, durch das Trennungszeichen (-) voneinander abzusondern, aber demungeachtet nur dem ersten von ihnen, wenn das ganze ein Sachwort ist, einengroßen Anfangsbuchstaben zu geben. Ohne dieses Zeichen verursachen viele dergleichen Wörter, selbst dem geübte-sten Leser, wie vielmehr döm ungeübten und dem Ausländer, Anstoß, indem einige gar zu vielstlbig sind, als daßman sie mit Einem Blicke übersehen könnte, andere aber leicht falsch gelesen werden können. Letztes ist besondersdann leicht möglich, wenn das erste Wort sich mit einem Mitlauter endiget, und das zweite mit einem Sclbstlau-rer anfängt; vornehmlich, wenn das erste sich mit einem doppelten Mitlauter, wie z. B. in Damm erde undStammeltcrn schließt; ganz besonders aber, wenn das eine Wort mit einem solchen Mitlauter endet, daS an-dere hingegen mit einem solchen anfängt, als wir in vielen Wörtern sonst mit einander zu verbinden und zugleichauszusprcchcn gewohnt sind, wie z. B. im Erb- lasser, wo man leicht in Gefahr geräth, Dam-merde,Stam-meltcrn und Er-blasscr zu lesen. Bei kurzen Zusammensetzungen hingegen, und wo ein solcher An-stoß im Lesen nicht zu besorgen steht, kann man das Trennungszeichen füglich weglassen, und die Wörter in einSznsammenziehn.
Was endlich die durch wörtliche Uebersetzungcn zu bildenden neuen Wörter betrifft: so müssen wir bedenken,daß wir nicht mehr in den Zeiten des Ulphilas, Keros, Raban Maurus, Ottfrieds und N0tkcrs le-ben, wo die große Armuth der Sprache, bei der Aufnahme fremder Begriffe, aus der Noth eine Tugend machte,und eine knechtische Nachbildung ausländischer Wörter erlaubte, die bei dem nunmehrigen Reichthume und der jetzi-gen, so viel größern Bildbarkeit unserer Sprache, ganz unverzeihlich sein würde. Da diese Art der Wortbildungmcjstentheils nur bei solchen, gemeiniglich zusammengesetzten Ausdrücken, die etwas bildliches einschließen. Statt fin-det; so merke ich dabei zuvörderst an:
Sechste Regel:
daß nicht jedes Bild, welches sich in der einen Sprache stndet, nothwendig auch in die andere übergetra-gen werden müsse.
„Hier,
*3 Eben da ich dis niedergeschrieben habe , lese ich in einer der Hamb. Zeitungen die Ankündigung eines Schriftstellers, welcher verst-chert, daß seine Aufsätze „nicht ohne all» Aufmer ksam ke i ts w ii r digu n g sein würden." Welch ein Wort! Wie schleppend,und wie widerfinnig zugleich!