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Grundsätze / Regeln und Gränzen
wirklich Aufgeführte, so anzusehn, als wenn es unsern ganzen Sprachreichthum ausmachte, und alles, bisjetzt nochnicht darin befindliche, vor der Hand als gar nicht daseiend zu betrachten. Sollte diese Maßregel nicht für eine recht-mäßige erkannt und erklärt werden: so dürften wir bis zur Zeit, da wir vollständige Sprachqucllcn und Wörterbü-cher haben werden, ganz und gar keine neue Wörter bilden, weil wir bis dahin den dazu crfoderlichen Nothfall n i eerweisen könnten. Und was würde die Folge davon sein? Diese: daß wir entweder in der Erweiterung unsers Ge-dankenkreises, also in der Ausbildung unserer Geistcsfahigkeitcn, bis dahin stillstehen, oder uns bequemen müßten,alle Begriffe, für welche der Deutsche Ausdruck bisher noch nicht gesunden wäre, noch wie vor durch die unserer Spra-che aufgebürdeten fremden Wörter zu bezeichnen. Dann würden diese Fremdlinge unserer Sprache nach und nach soinnig einverleibt werden, und so tiefe Wurzeln darein schlagen, daß sie zuletzt ganz unaustilgbar sein würden, undfür immer darin gelassen werden müßten.
Die Regel also sei: daß, wo die bisjetzt eröffneten Quellen unsers Sprachschatzes uns verlassen, wir das Aus-prägen neuer Wörter für zuläßig halten dürfen..
Auf eine am wenigsten bezweifelbare Weise tritt dieser Fall alsdann ein, wenn entweder ein neuentdeckter oderneuerfundencr Gegenstand seinen Namen, oder eine neue, in dem bisherigen Inbegriffe der menschlichen .Gedanken-masse noch nicht befindliche Vorstellung ihre Wortbezeichnung erhalten soll. Da versteht es sich ganz von selbst, daßder neuen Sache auch ein neuer Name oder eine neue Worthülle gebührt; weil es, unter der Voraussetzung, daß dieSache wirklich neu sei, unmöglich ist, sie durch ein schon vorhandenes Wort so zu bezeichnen, daß keine Verwechs-lung der Begriffe zu besorgen stünde.
Der zweite Fall ist der:
wenn wir, zum Ersatz eines bisher aus Noth gebrauchten fremden Worts, in dem bekannten Umfan-ge unserer Sprache kein solches finden, welches den dadurch zu bezeichnenden Begriff vollständig, d. i.mit allen, weseiltlich dazu gehörigen Bestandtheilen und Bestimmungen auszudrucken geschickt wäre.
Ich bitte, in dieser Angabe das Wort wesentlich ja nicht zu übersehen; denn darin liegt gerade dieHauptbedingung, worauf die Befugniß, in diesem Falle ein neues Wort zu prägen, allein beruht. Auf-die unwe-sentlichen oder zufälligen Ncbenbegriffe, welche das zu ersetzende ausländische Wort ohne oder gar ivider die Absichtdes Redenden, erwecken kann, kommt es hiebei so wenig an, daß diese vielmehr oft, um den reinen Begriff, dendas Wort ausdrucken soll, richtig zu denken, absichtlich unterdrückt oder davon abgesondert werden müssen, wie dasz. B. der Fall mit unserm Handschuh und Fingerhut ist, bei welchen man die dunkeln Nebenbcgriffe, welchedie Wörter Schuh und Hut mit sich führen, mit Fleiß entfernen muß. Wesentliche Bestandtheile eines Begriffsfind diejenigen, welche nothwendig mitgenommen werden müssen, wenn der Begriff nicht verstümmelt, sondern voll-ständig ausgedruckt werden soll.
So hatten wir z. B. bisher kein völljg gleichbedeutendes Wort für das Französische Industrie, welches dreiwesentliche Begriffe einschließt, nämlich den dcsemsigen, des geschickten oder künstlichen und des erfin-derischen Fleißes. Es war daher das Befugniß da, ein neues Wort dafür zu prägen; und das dazu von mirin Vorschlag gebrachte K u n st b e tr i eb sa mkei t scheint diesem Bedürfnisse ein Genüge zu thun.*)
Der dritte, zur genauern Bestimmung der obigen Regel gehörige Fall, ist:
wenn zur Bezeichnung eines Gegenstandes öder Begriffes in dem gesammten Umfange unserer Sprachenur ein einziges, bloß für Eine Art des Vortrages — für die niedere oder hohe, für die ernste oderlustige •—> aber nicht für die andern passendes Wort vorhanden ist, also für die eine oder die andereArt des Vortrages ein wirkliches Bedürfniß in Ansehung dieses Worts empfunden wird.
Ein solches Bedürfniß wird oft mit der Zeit und durch das, was wir Zufall nennen, herbeigeführt. EinWort, welches vorher edel war, wird oft plötzlich entadelt; die Gegenstände selbst und mit ihnen unsere Begriffe
von
*) Doch muß ich hiebe! anmerken, daß es keinesweges nöthig ist, diese dreifache Bestimmung des Begriffs, so oft wir das FranzösischeWort Industrie übersetzen, jedesmahl mit auszudruckc», und es also in jedem Falle nur allein durch Kunstbetriebsamkeit i»übersetze». Man sehe das nachstehende Wörterbuch.