0 6 Grundsätze, Regeln und Gränzen
Rummrill, grummel n und rumpeln, verstärkt rumpum pcln, drei durch ihre Laute sich verständ-lich machende Wörter, wovon das erste das dumpfe Getöse einer Trommel, das zweite das eines fernen DonnerSund das dritte das laute Schütteln und Rasseln eines auf Steinwegen fahrenden Wagens angibt. Man hört dieseverschiedenen Arten von Getöse, indem man die Wörter hört. Die Trommel (N. D. Trumm ei) selbst, ist vondem ersten gebildet. Das demselben vorgesetzte T verstärkt den Laut, und gibt ihm den nöthigen Nachdruck. Diestarken Donnerschläge läßt der Niederdeutsche in kniddern, knaddern und raddern hören.
' Hache pachen, das laute und starke Athmen nach einem heftigen Laufe. Es ist dis laut Athmen selbst.
Happen, begierig nach etwas trachten (inhiare), und schnappen, auffangen, fassen, ergreifen. Letztesdrückt durch seine Laute den Ton aus, den der Hund hören läßt, wenn er ein ihm zugeworfenes Stück'mit demMaule fängt; erstes den des Kcichens, wenn er mit vorgestreckter Zunge nach Wasser lechzt.
Kirren, das ängstliche Girren der Hüner und Tauben beim Anblick eines Raubvogels. Daher denn auchvermuthlich die Redensart ganz kirr e w erden, d. i. seine Schwäche fühlen und anerkennen.
Kibbeln und kabbeln, sich mit großem Wortauswande zanken. Man glaubt, ein paar Unholdinnen zuhören, die den Strom ihrer Beredsamkeit, die eine in der ersten, die andere in der zweiten Stimme, in Zank- undScheltwörtern ergießen.
Hulter die Bulter, Ritfch-ratsch! und Rips-raps! machen das, was sie ausdrucken sollen —nämlich ist das erste das Poltern hastig durcheinander geworfener Dinge, das zweite das Geräusch, welches beimDurchreißen eines Tuchs, eines Stücks Papier u. s. w. entsteht, und das dritte die Handlung des hurtigen Zusam-menraffens — gleichfalls hörbar. Der Niederdeutsche begnügt sich in solchen Fällen selten mit Einem Worte; er ge-braucht gewöhnlich zwei, sowol um die Laute, die er ausdrucken will, desto vollständiger anzugeben, als auch siedesto länger hören zu lassen.
Plump! und plumpen drucken vollkommen den Schall aus, den ein ins Wasser fallender schwerer Körper,z. B. ein Stein, verursacht. Der Stein fiel plump! ins Wasser; er plumpte ins Wasser; ersiel ins Wasser, daß es plumpte, sagt man; und man hört den Körper fallen.
Puff! und puffen, Ausdrücke, die den dunkeln und dumpfen Schall eines Schlages, Stoßes oderSchusses nachahmen.
Pusten für blasen. Man kann dis Wort nicht aussprechen, ohne die Handlung, die es bezeichnet, selbstzu verrichten und diese Verrichtung hören zu lassen.
Diese wenigen Beispiele werden hinreichen, um dasjenige zu belegen, was ich oben gesagt habe. Man wirddabei wol von selbst, die Bemerkung gemacht haben, daß die N. D. Mund-art hierin die Eigenthümlichkeit hat, daßes ihr nicht genug ist, den Schall mit der Sache zugleich, oder nur beiläufig auszudrucken, sondern daß es in vie-len Fällen ihr ganz eigentlich darum zu thun ist, letztem noch besonders anzugeben, nachdem sie die Sache selbstschon hinlänglich ausgedruckt hat, z. B. in den angeführten, er schnitt sich in den Finger, daß es gnassete;er fiel ins Wasser, daß es plumpte; er gab ihm einen Schlag, daß es puffte u. s. w.; eine Eigenthüm-lichkeit, die ich in keiner andern Sprache bemerken kann.
Endlich gehört noch die Bemerkung hicher, daß die O. D. Mund-art, als eine schon früher ausgebildete undbis in die Mitte des sechszchntcn Jahrhunderts herrschend gewesene Schriftsprache, sowol manches gute, dem H. D.fehlende Kunstwort, nicht nur für die wissenschaftliche, sondern auch für die Geschäfts-Gerichts - und Kunstsprache,als auch vornehmlich für die höhere Schreib - art manches vollklingende, stolze und erhabene Prachtwort, so wie man-che, durch ihre Fülle und durch ihr Alter ehrwürdige Wörterform enthält, die dem Hochdeutschen von geschickterHand, am rechten Orte, besonders in den erhabenen Dichtungsarten, einverleibt, eine große und schöne Wirkungzu thun pflegen. Die N. D. Mund-art hingegen, die niemahls herrschende Schriftsprache war, ist hierin, bis zumgänzlichen Mangel, arm, und kann also in diesem Betrachte zu der allgemeinen Deutschen Sprache keinen erheblichenBeitrag liefern. Dagegen ist sie überreich an sanftlautenden, natürlichen, sinnreichen und ausdrucksvollen Wörternund Redensarten für die Umgangssprache und für diejenige Schriftsprache, welche sich mit jener nur zu einerlei Hö-he erhebt. Das ist also auch nur das Fach, worin unsere allgemeine Deutsche Sprache von ihr zu borgen nichterröthen darf.
Genug von den Mund-arten!