der Verdeutschung. Sz
wegen in Betracht, weil es im ersten Falle weniger, als im letzten, an seine N. D. Herkunft erinnert. Zum Bei.spiele diene Folgendes.
Wir haben zur Ersetzung des Französischen Worts T aille, dem Hr. Adelung die unverdiente Ehre erwies,es in sein Wörterbuch aufzunehmen, ungeachtet es zu denen gehört, deren Laute der Deutschen Sprach-ähnlichkeitzuwider sind, und die daher niemahls eingebürgert werden können, in der N. D. Mund-art zwei, nämlich daSveraltete Tall (wovon das Französische Taille selbst entstanden ist), und das noch allgemein übliche Knecp, wo-von icnes die weitere Bedeutung von Taille, die Leibcslangc und das Verhältniß der Glicdmaßeu dazu, dieses dieengere Bedeutung desselben, den Abschnitt zwischen der obern und untern Hälfte des Körpers, ausdruckt. Wolltenwir nun das erste aufnehmen: so brauchte man, da es ein veraltetes, also den meisten unbekanntes, und die Hoch-deutsche Sprach-ähnlichkeit nicht auffallend beleidigendes Wort ist, vorher keine Veränderung damit vorzunehmen,ungeachtet es vermuthlich mit unserm Hochdeutschen Zahl, nur nicht der Bedeutung nach, einerlei ist. Wollten wirhingegen das andere ins Hochdeutsche übertragen: so müßte dieses, sowol seiner gar zu auffallenden N. D. Eigen-heit wegen, als auch deswegen, weil es als ein N. D. Wort noch jetzt in ganz Niedcrdeutschland bekannt und üb-lich ist, nothwendig erst in Kniff verwandelt werden. — Ich merke indeß in Ansehung beider an, daß wir ihrernicht bedürfen, weil wir für Taille in weiterer Bedeutung schon das gute Wort Wuchs haben, und für die en-gere Bedeutung füglich Leibschnitt bilden können.
Z. Solche, einfache oder zusammengesetzte, Wörter, die mehre Eigenheiten der N. D. Mund-art zugleich ansich haben, von welchen ihnen oft nur Eine genommen zu werden braucht, um ihr N. D. Gepräge, wo nicht ganzauszulöschen, doch unmerklich zu machen.
Als z. B. Lesfing das N. D. S ni ck-sna ck für unsere Schriftsprache stempelte, begnügte er sich, nur denNiederdeutschen lispelnden S-laut in'den Hochdeutschen Zischlaut S ch zu verwandeln; allein er hütete sich wol,ihm auch die N. D. Endsilben ick und ack zu nehmen, und ihm dafür die Hochdeutsche ich und ach zu leihen, weiler fühlte, daß das Wort durch diese zweifache Veränderung (Schnich-schnach) unausstehlich zischend und hauchend,und eine Marter für Zunge und Ohr zugleich werden würde.
Eben so haben wir es mit dem Worte Gaudccf bei dessen Umbildung in Gaudieb gemacht. Da Gauschnell und D e ef Dieb heißt: so hätte man es eigentlich durch Schnelldieb verhochdeutschen müssen. *) Alleinman begnügte sich, nur die zweite Silbe, als diejenige, welche die meisten und auffallciidsten N. D. Eigenheiten ansich harre, umzubilden, und ließ die erste, wie sie war, und zwar mit desto größcrm Rechte, weil gau weder derder Hochdeutschen Sprach - ähnlichkeit widerstrebt, noch in Obcrsachscn uud in Oberdeutschland, als ein der Nieder-deutschen Mund-art gehöriges Wort bekannt war.
Ein anderes ist es, wenn jedes der einzelnen Wörter, welche zu einem zusammengesetzten verbunden sind, nichtnur ein ihm antwortendes, und mit ihm aus einerlei Ouelle gesiossencs Brudcrwort im H. D. hat; sondern auchdurch seine Laute sich dem Hochdeutschen Ohre als Niederdeutsch verräth. Dann muß nothwendig jedes von ihnenerst vcrhochdeutscht werden; weil, wenn dis nicht geschähe, sie durch ihren ähnlichen Laut an das NiederdeutscheWort erinnern und dadurch sich selbst als eingedrungcne Niederdeutsche Wörter verrathen würden; also drövh ar-t i g durch trü b h e rzig , frihartig durch f r e i h c r z i g , g r o t h a r t i g durch großherzig, Dagdccf durchTagedieb u. s. w. Eben so hätte auch Hr. Adelung das Niederdeutsche Wort Oldmelk nicht, wie er ge-than hat, (S. Wörterbuch) bloß halb durch Altmelk, sondern ganz, nämlich durch altmilchig, verhochdeutschenmüssen. UebrigenS ist dieses Wort, unter mehren, ein Beweis, daß Hr. A. die Bercicbcrung aus den Mund-ar-ten, und namentlich aus dem N. D., nur in der Regel, nicht in der Ausübung, mißbilliget.
Eine dritte Folge aus dem obigen Grundsätze ist:
daß, wenn wir ein im H. D. fehlendes Wort aus der D. D. Mund-art entlehnen, es ganz wolge-than sei, wenn wir da, wo dis thunlich ist, ihm vorher erst die gelindem Laute der N. D. Ausspra-che unterzulegen suchen.
Nach
*) Nach einer andern Hcrlcitung soll aber Gaudieb aus Gau, Landschaft, gebildet sein; also einen Dieb bedeuten, der durch denGau umherstccicht um zu siehlen. Dann gehörte es nicht hichcr-