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Grundsätze, ReZeln und Gränzen
gcn^" *) Vorher behauptete Hr. A. selbst, daß die Hochdeutsche Sprache arm sei, und zeigte sogar, worin ihreArmuth bestehe; jetzt soll die nämliche Behauptung nur ein Vorwand seichter Köpfe sein!!
Am allerentschcidendsten und strengsten aber hat Hr. Adelung sich wider diese Bereicherung aus den Mund-arten in folgender Stelle erklärt: „Aber so ist es doch wol erlaubt, die Hochdeutsche Mund-art (dieDeutsche Spra-che), da sie nun einmahl die herrschende ist, aus der Provinzialsprache zu bereichern? Nun, ganz kann man dieseFreiheit nicht läugncn; aber sie muß überaus enge eingeschränket, und allenfalls nur da verstattet werden,wo es auch erlaubt ist, ganz fremde Wörter aufzunehmen, nämlich wenn fremde Gegenständeund n o t h w e nd i g e Begriffe, welche im Hochdeutschen keinen Namen haben, mit Einem Worte ausgedrucktwerden müssen."**) Das heißt doch wol, diese Freiheit so gut als ganz aufheben; denn was nur im Falle derhöchsten Noth geschehen darf, das ist an sich unrechtmäßig. Wie nun dieses strenge Verwerfungsurtheil mit den obi-gen acht Aeußerungen des nämlichen einsichtsvollen Mannes — worin er der Sprachbereicherung aus den Mund-ar-ten so weite Gränzen zu stecken schien — zu vereinigen sei, das, ich muß es frei gestehen, ist mir ein unaustöslichesRäthsel geblieben.
Lassen wir also, da auf hiescm Wege nichts ausgemacht werden kann, die Meinungen Anderer fahren, undbemühen uns vielmehr unser eigenes Urtheil über die Sache, von der die Rede ist, nicht auf-das Ansehn einesSprachlehrers, wäre es auch das eines Adelung, sondern auf deutlich erkannte und allgemein gültige Grundsätzezu bauen. Hiczu rechne ich folgender •. v.
1. Ungeachtet bei der allgemeinen Deutschen Sprache eine eigene, von der Ober- und Niederdeutschen ver-schiedene Mund-art, nämlich die Meißnische oder Obersächsische, als diejenige, worin die übrigen Mund-arten alle, mehr oder weniger, zusammenflössen,' zunächst zum Grunde liegt: so ist es doch eine völlig ausgemachteSache, daß ein großer Theil ihres Wörtcrvorraths aus der Oberdeutschen, ein anderer, obgleich vielleicht bisjctztnoch kleinerer, aus der Niederdeutschen Mund-art, entlehnt worden ist, ohne daß sie dadurch ihre unterscheidendenEigenheiten im geringsten eingebüßt hat. Ich sage also: da diese Art der Bereicherung bis hieher, ohne allen Nach-theil, wirklich Statt gefunden hat, so kann und darf sie auch noch ferner Statt finden.
2. Es ist völlig ausgemacht und entschieden', daß die Deutsche Schrift- und Umgangssprache, trotz der er-staunlichen Ausdehnung, die sie in dem gegenwärtigen Jahrhunderte erfahren hat, doch in einigen Fächern noch bisauf diesen Tag wirklich arm ist, in welchen die Mund-arten, besonders die Ober- und Niederdeutsche, einen aus-nehmend großen Reichthum besitzen.***) Ich sage also zweitens: es ist nicht bloß thunlich, sondern auch nothwen-dig, daß ihrem Mangel aus diesen beiden Ouellen noch ferner abgeholfen werde.
Z. Man darf nur unsere Landwörterbücher (Idiotica), sowol die wenigen und höchstunvoflständigen, die wirvon der Oberdeutschen Mund-art bisjetzt erst besitzen, als auch die viel vollständigeren und bessern, die wir überdie Niederdeutsche Mund-art haben, nachläßig durchblättern, um sich vollkommen zu überzeugen, daß in beiden eine
Menge
*) Ueber die Geschichte der Deutschen Sprache. S. 89»
**) Seite 8/.
***) Statt einer Menge von Beispielen, die ich hier anführen könnte, nur ein einziges. Wie wichtig ist es nicht in manchem Falle,daß der Kranke den Schmerz, den er empfindet, seinem Arzte, nicht bloß im Allgemeinen beschreiben, sondern auch ganz bestimmtangeben könne, von welcher besondern Art er sei, ob er z. D. ein Drücken, Stechen, Spanne», Brennen oder sonst etwas fühle.Nun gibt es eine Art von Schmerzen, die der Niedcrsachse durch Schrinnen ausdruckt, und wofür in dem allgemeinen Deut-schen , so viel ich weiß, kein gleichbedeutendes Wort gefunden wird. Sollten wir nun Bedenken tragen, dieses Wort, welchesüberdis in seinen Lauten gar nichts fremd-artiges hat, aufzunehmen? Warum?
Frisch hatte manche, uns unentbehrliche Wörter dieser Art aus deck Mund-arten mit Recht aufgenommen, die Hr. Ade-lung mit Unrecht verschmäht hat. Er härte, scheint es, dergleichen Wörter wenigstens anführen, und,, wenn er sie für verwerf-lich hielt, uns sage» müssen, wie wir den nämlichen Begriff durch ein besseres ausdrucken sollen. So hat Frisch z. B. das N. D.Wort Wi einen, woniit ein in der Höhe angebrachtes Stangengerüste bezeichnet wird, wie z. B. das, worauf des Nachts dieHühner sitze»; Adelun g hingegen hat dieses Wort wieder ausgcstoße». Wie sollen wir denn n»n ein solches Gerüste nennen,wenn nus senes Wort genommen wird? Der Verfasser des Neuen FroschmauSlers hat kein Bedenken getragen es z»gebrauchen:
Der Pinsel, also sprechend, fährtBon seinem Wiemeu zu mir herab-