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Grundsätze, Regeln und Gränzen
oder noch nichl die Fertigkeit hatte, die fehlerhaften Eigenthümlichkeiten jener Mund-art überall zu vermeiden unddurch etwas besseres, entweder aus andern Mund -arten entlehntes, oder auch nach den Aehnlichkeitsregeln der Spra-che neugcbildetcs, zu ersetzen. Dieser Vorsatz, so wie das Vermögen ihn auszuführen, bildeten und setzten erst nachund nach sich bei ihm fest, wie jede nachhcrige Ausgabe seiner Uebersetzung beweiset, wobei er die Härten und Rau-heiten der Oberdeutschen Mund-art, durch immer häufigeres Unterschieben des aus andern Mund-arten, besondersaus der Meißnischen, Entlehnten je mehr und mehr zu mildern suchte. Daß aber weder er, noch die nachherigenHerausgeber seines Werks, diese Umbildung vollendet haben, liegt am Tage.
2. Obgleich jeder sachkundigeBcurtheiler fich zu dem Geständnisse gezwungen sieht, daßLuther bei dieser sei-ner Bibel-übersetzung, in Betracht, daß er der erste war, der in der bessern Schrift-erklärung die Bahn brach, undin Rücksicht auf die kümmerlichen Hülfsmittel seiner Zeit, mehr als irgend einer seiner Nachfolger geleistet habe,und zugleich mehr, als man von Einem Manne in solchen Zeiten und unter solchen Umstanden, billiger Weise fodcruoder nur erwarten konnte: so muß man doch auch auf der andern Seite sich durch keine abergläubische Uebertreibungseines Verdienstes hindern lassen, frei zu bekennen, daß er den Sinn einzelner Wörter und Redensarten, so wieganzer Stellen, nicht selten mißverstanden, also auch falsch übersetzt habe. Wollte man nun bis, was hier nichterst bewiesen zu werden braucht, weil es für Sachverständige längst entschieden ist, aus den Augen setzen und derLutherschen Bibel-übersetzung abergläubischer Weise eine Vollkommenheit zuschreiben, die sie nicht hat: so könnte unsdas zu einer falschen und schädlichen Sprachbereicherung verleiten. Man könnte nämlich in diesem Fall das Ansehendes großen Mannes dazu mißbrauchen, Wörtern und Redensarten, die er unrichtig gesetzt hat, eine Bedeutung zu-zuschreiben, die sie niemahls hatten. Ich will die Sache durch ein Beispiel deutlicher machen.
So finden wir z. B. 1 Tim. VI. 4. das Wort verdüstert, wo hochmüthig oder aufgeblasen stehensollte. Wer nun daraus schließen wollte, daß jenes zu Luthers Zeiten die Bedeutung von diesen gehabt habe, derwürde sich irren; und wer, auf Luthers Anfehn gestützt, diesen angeblichen Sprachgebrauch wieder aufzuwecken undin Umlauf zu bringen versuchen wollte, der würde unserer Sprache etwas, als ihr ehemahliges Eigenthum, aufdrin-gen , was sie niemahls hatte, also auch nicht zurückfodern kann. DieSachc ist, daß Luther hier einen Uebersetzungs-fehler beging. Erließ sich vermuthlich, indem er das im Grundtcxte befindliche Work teti<P<ctci$ durch i st ver-düstert (statt aufgebläht) übersetzte, durch die eigentliche Bedeutung des Stammworts t i(pog ■, Rauch, unddes davon abgeleiteten Zeitworts rvQvSctg, bcräuchert werden, so wie auch durch den Nachsatz: und weißnichts (jtijjSsv eTtigxfLms) irre leiten; so daß er beide Ausdrücke, den im Vorsätze und dem im Nachsätze, für gleich-bedeutende oder sinnverwandte hielt, und daher den ersten durch: er ist verdüstert übersetzte. Hätte er verdü-stert absichtlich für aufgeblasen gesetzt, und nach dem Sprachgcbrauche seiner Zeit dafür setzen dürfen: so istnicht abzusehen, wie diese Bedeutung des Worts in so kurzer Zeit so gänzlich hätte verloren gehen können, daß siesich sonst nirgends, als in dieser einzigen Stelle fände. Mehre hichergehörige Beispiele anzuführen, würde über-siüßig sein.
3. Der dritte, am häufigsten begangene Fehler der Lutherschen Bibel-übersetzung, welche bei der Benützungdieses Werks zur Sprachbereicherung nicht übersehen werden darf, besteht bekanntlich in der Deutsch-hebräischen undDeutsch-grichischen Sprachvcrmischung, d. i. darin, daß Deutsche Wörter nicht selten zu Hebräisch -grichischcn Re-densarten verbunden oder in Hebräisch - griechischen Bedeutungen gebraucht worden sind. Aus einer unzählbaren Men-ge hichergehöriger Beispiele, die ich leicht anführen könnte, wenn es nöthig wäre, wähle ich nur einige wenige fürdiejenigen aus, welchen dieses Fach der Gelehrsamkeit fremd sein mag. Hicher gehört also z. B. das so oft vor-kommende anbeten stakt verehren; segnen, für Böses wünschen oder fluchen, jemand b esu ch cn (Luc. I. 68.78.) für si ch sei n c r a n n eh m cn oder ihm Hülfe leisten ; d as B r 0 t b r ech en für essen ; das Buch desLebens oder der Lebendigen für die Bürger-rollen oder B ü r g e r l i st e n ; Bund für V e r p fl i ch-tung (1 Pekr. III. 21.); Zunge für fremde Sprachen, s w. Wer mehr Beispiele dieser Art verlangt, derkann sie in Tellers vortrefflichem Wörterbuchc fast auf jeder Blattseite finden.
Schlimm genug, daß unsere Kirchensprache, zum großen Nachtheil der Deutlichkeit unserer Begriffe, mit der-gleichen Hebräisch - und Grichisch- deutschen Wörtern und Redensarten schon so sehr überladen und dadurch verun-staltet ist! Wir wollen sie, so viel wir können, davon zu reinigen, nicht aber die Zahl derselben geflissentlich zuvermehren suchen. Die Sprache der Hebräer kann eben so wenig ein Muster zur Bildung der unsrigen sein, als un-sere Begriffe sich nach den ihrigen formen dürfen. Das hieße, das Maß zu Mannerschuhen von Kinderfüßen nehmen.