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Grundsätze, Regeln und Gränzen
Wortfügungen und Redensarten zu gebrauchen, die er zum Theil nicht kennt, zum Theil nicht ausdrucksvoll genugund nicht passend findet, sich aus eigener Machtvollkommenheit, neue zu prägen und sie verschwenderisch auszuwer-fen; ünter welchen freilich viele, vielleicht die allermeisten, des Aufhebens nicht werth sein mögen, manche aber dochvielleicht an Gepräge wie an Schroot und Korn, echt und sehr annehmenswürdig sein können. Ich vermeide gern,wo ich umhin kann, gehässige Anführungen; sonst könnte ich hier Werke nennen, aus welchen sich mehre hundertneugebildete Wörter und neugewagte Bedeutungen alter Wörter ausheben ließen, unter welchen vielleicht manche desDeutschen Bürgerrechts gar nicht vnwcrth befunden werden dürften.
5. Die Hauptmund-arten der Deutschen Sprache, die Oberdeutsche, die Niederdeutsche, unddie Mitteldeutsche, worin jene beiden sich berühren, sammt den darunter begriffenen besondern Land-undK r ei s sp r a ch e n (Provinzialdialekten) oder Sprech-arten einzelner Gegenden, deren jede ihre unterscheidenden Ei-genheiten, nicht bloß in der Aussprache', sondern auch an Wörtern und Redensarten, die sie ausschließlich besitzt, zuhaben pflegt. So hat z. B., um nur bei einer und eben derselben Hauptmund-art, der Niederdeutschen, stehen zubleiben, Hamburg, wie aus R i ch e y's L an d w ö r t e rb u ch e (ich kann mich nicht überwinden, Idiotico zuschreiben) erhellet, manche Wörter und Redensarten, die in Bremen, und wiederum Bremen, wie man aus demB r emi sch - N i cd e r d c ul sch en Wö r t e rb u ch e ersieht, manche, die in Hamburg unbekannt sind, ungeachtetbeide Städte nur etwa vierzehn Meilen weit auseinanderliegen; und ein Ungenannter, der zu dem letzlangeführtenWerke Beiträge aus dem Kurhannöoerschen geliefert hat, führt darunter verschiedene auf, von welchen die BremischenVerfasser zu erkennen geben, daß sie bei ihnen vermißt werden. Mehre Beispiele dieser Art liefert Bocks Preu-ßisches, und Strodtmanns Osnabrücksches Landwörtcrbuch. Um also über unsere Hauptmund-arten mit derZeit vollständige Wörterbücher zu erhalten, würde, scheint es, nichts geringeres, als eine durch ganz Deutschland,Preußen und Kurland verbreitete Gesellschaft von hundert und mehr Mitarbeitern erfodcrt, deren jeder diejenigenWörter und Redensarten lieferte, bieder Gegend, worin er wohnte, eigenthümlich gehörten. Das über die Nie-derdeutsche Mund-art auf diese Weise zu verfertigende Wörterbuch würde, nach der fleißigen Bremischen Vorarbeit,am leichtesten zu Stande zu bringen sein. Hier brauchte jeder Mitarbeiter nur das Bremische Wörterbuch zum Grun-de zu legen, und nur dasjenige aus feiner Gegend anzumerken, was in diesem fehlt. Die Bearbeitung der Ober-deutschen, noch mehr aber bieder Mitteldeutschen Mund-arten *) würde, weil hier viel weniger vorgearbeitet wor-den ist, schon mehr Mühe machen. Unser Deutscher Sprachschatz aber würde durch dergleichen Landwörterbücher ,wenn sie einst vollendet wären, einen unschätzbaren Zuwachs erhalten; und es wäre eine, der berühmten Gesellschaft,die über diese Blätter richten wird, unstreitig würdige Erweiterung ihres Sprachvcrbeffcrungsplans, wenn sie densel-ben, durch Errichtung einer durch ganz Deutschland verbreiteten sprachforschenden Gesellschaft, auch über diesesBedürfniß, dem kein einzelner Gelehrter abhelfen kann, ausdehnen wollte!
Die Bestimmung der rechtmäßigen Art und Weise, diese, wie die übrigen hier angegebenen und noch weiteranzugebenden Quellen der Deutschen Sprachbereicherung, zu benützen, gehört in die zweite Unter-abtheilung die-ses Abschnitts.
6. Die mit der Deutschen verschwisterten oder verwandten Sprachen — dic N i e d e rlä n di-sche, Isländische, Dänische, Norwegische, Schwedische, Schottisch-Irländische und Eng-lische, sammt den Volkssprachen einzelner Landabtheilungen (Provinzen) in England, Frankreich und Spanien, un-ter welchen gleichfalls noch Kinder oder Kindeskinder unserer Deutschen Ursprache gefunden werden mögen. Waswir hier, uns fehlendes und für uns brauchbares entdecken, und wovon wir unsern ehemahligen Besitzstand rechts-kräftig darthun können, dessen dürfen wir uns auch mit Fug und Recht, als eines gemeinschaftlichen Familien - ei-genthumö, wieder bemächtigen.
7. Die innere Fruch tbarkeit unserer Sprache zur Hervorbringung neuer Wörter aus schondaseienden alten. Diese unerschöpfliche Quelle ergießt sich in zwei, gleich unermeßlichen Armen; nämlich 1. durchbloße Wortzusammensetzung, oder, wie Hr. Fulda sie nennt, durch Wort-einung. Fast jedes Deut-sche Wort ist, wenn ich so sagen darf, heirathsfähig; fähig, durch Verbindung mit einem andern Worte, ein neueshervorzubringen, das, sobald es zur Welt geboren ist, von jedem Deutschen, als ein Deutsches, anerkannt werden
muß
*) Ueber diese kenne ich nichts, als was Rüdiger Über die Obersächsische und Reinwald neulich über die Hennebergi-schc Mund-art geliefert hat.