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1 (1808) A - E
Entstehung
Seite
39
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der Verdeutschung. 39

Die wichtigen Gründe, worauf diese Regel beruht, sind schon im ersten und zweiten Abschnitte dieser Ab-handlung vorgelegt worden.

In Ansehung der wissenschaftlichen Kunstwörter insonderheit ist Hr. Gedike anderer Meinung').Ich war es ehemahls auch. Die einmahl üblichen gelehrten Kunstwörter, dachte ich mit ihm, müßten bleiben: i.weil wir sonst eine doppelte Kunstsprache, die alte ausländische, und die an ihre Stelle tretende neue, zu erlernenhätten; diese, um des gegenwärtigen Gebrauchs willen; jene, um die ältern Schriften zu vcrstehn, in welchen sienun einmahl herrschend ist; 2. weil, wenn -vir eine doppelte Kunstsprache, eine alte nnd eine.neue, hätten, dieSeele des Hörers oder LeserS bei jedem vorkommenden Worte dieser Art, immer erst ein Weilchen würde still stehenmüssen, um sich bewußt zu werden, daß und wiefern das ihr ungewöhnlichere Kunstwort sey es das ältere oderdas neuere - gleichbedeutend mit dem ihr geläufigern wäre, und um das eine in das andere zu übersetzen. Auchjetzt noch kann ich diesen Gründen alles Gewicht nicht absprechen: allein durch wiederholtes Nachdenken habe ich michüberzeugt, daß ihre Wichtigkeit bei weiten so groß und entscheidend nicht ist, als es mir ehemahls vorkam, und daßder entgegengesetzte Grund, den ich in der andern Schale liegen sehe, sie augenscheinlich und stark überwiegt.Esist eine Unbequemlichkeit, zweierlei Kunstsprachen zu lernen, wo es an einer genug wäre." Allerdings! Aber dieje-nigen, welche diese Unbequemlichkeit trifft, sind ja ohnehin gezwungen, beiderlei Sprachen, sowohl diejenigen, wor-aus die alren Kunstwörter genommen sind, als auch ihre Muttersprache, zu lernen. Und findet nicht eine viel grö-ßere Unbequemlichkeit für eine viel beträchtlichere Zahl von Menschen Statt, wenn diejenigen, die nur ihre Mutter-sprache vcrstehn, und nur sie zu verstehen brauchen, um einiger hundert ausländischer Kunstwörter willen, in die Noth-wendigkeit versetzt werden sollen, entweder Grichisch und Latein zu lernen, oder auf das Verstehen dieser Kunstwör-ter, und damit zugleich auf den ganzen Schatz von Kenntnissen, wozu die Kunstwörter die Schlüssel sind, Verzichtzu thun?Wenn wir eine doppelte Kunstsprache haben, so muß die Seele des Hörers oder Lesers, bis ihr beidegleich geläufig geworden sind, oft einen Augenblick still stehn, um erst das ihr ungewöhnlichere Wort in das ge-wöhnlichere zu übersetzen." Wahr! Aber dieser Unbequemlichkeit kann ja dadurch abgeholfen werden, daß wir unseine Zeitlang, so lange es nämlich nöthig zu seyn scheint, bequemen, das ältere abgedankte Kunstwort dem neuern,durch Klammern eingeschlossen, beizufügen, bis wir endlich merken, daß diese Hülfe entbehrlich geworden sey. Istrricht schon manches gute Deutsche Kunstwort auf diese Weise dergestalt in Umlauf gekommen und allgemein üblichgeworden, daß es jetzt den meisten Lesern eben so wenig Anstoß mehr verursacht, als das alte ausländische, an des-sen Stelle eS trat? Warum sollte der nämliche gute Erfolg, durch Anwendung des nämlichen Mittels, von derVerdeutschung jedes andern fremd-artigen Kunstworts, nicht gleichfalls zu erwarten sein?

Aber man finde diese Gründe und Gegengründe so wichtig oder so leicht, als man immer will, ein einzigerGegengrund überwiegt sie alle, und muß hier durchaus entscheiden. Das ist dieser: so lange wir ausländische, Gri-chische und Lateinische, wissenschaftliche Kunstwörter haben und gebrauchen, find und bleiben alle darin einge-schlossene Begriffe und Kenntnisse für diejenigen, welche nicht Grichisch und Latein vcrstehn also für die ganzegroße Masse des Volks. so gut als gar nicht da, so gut als verloren; weil es, besonders für Menschen, die imabgezogenen Denken keine Uebung hatten, eine an Unmöglichkeit gränzende Schwierigkeit macht, mit ausländischenWörtern, die keine sinnliche Gegenstände, sondern etwas abgezogenes und allgemeines bedeuten, deutliche und be-stimmte Begriffe verbinden zu lernen, wenn man nicht der Sprache, aus welcher dergleichen Wörter entlehnt sind,wenigstens einigermaßen kundig ist; indem sie in diesem Falle völlig sinnlosen Lauten gleichen, die dem, der sie hört,schlechterdings keinen Bezug aus den dadurch anzudeutenden Begriff darbieten. Dis glaube ich schon oben auf eineunumstößliche Weise dargethan zu haben. Ich beziehe mich also hier auf jene Auseinandersetzung, weil ich meineLeser und mich mit Wiederholungen, so viel möglich, zu verschonen wünsche; und füge nur noch die Anmerkung bei:daß sonach für die ungelchrten Volksklassen nicht nur diejenigen Begriffe, welche in den ausländischen Kunstwörternunmittelbar enthalten sind, sondern auch der ganze Umfang derjenigen Wissenschaften, wozu diese Wörter gehören,beinahe völlig verschlossen bleiben; indem das Nichtverstehen der Kunstwörter dem Verstehen des ganzen Vertragesein unüberwindliches Hinderniß in den Weg legt, und die Ungelchrten von der Bemühung, in die Wissenschafteneinzudringen, für immer abschrecken muß.

Eine sehr lehrreiche, jeden andern Beweis unnöthig machende Erfahrung hierüber, haben uns unsere beidengroßen Vernunstlehrer (Philosophen), Wolf und Kant, auf eine entgegengesetzte Art verschafft. Der erste schuf

sich

*) Wenigstens war er es vor vierzehn Jahren. S. die angeführte AbhandlungUeber Purismus (Sprachreiniguag) undSprachbereicherung.