Druckschrift 
1 (1808) A - E
Entstehung
Seite
30
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ZO Grundsätze, Regeln und Gränzen

chcn alle Begriff, und Empfindungen, mit allen ihren, oft bloß örtlichen, also unwesentlichen Eigenthümlichkeiten,gerade auf eine und eben dieselbe Weise, ausdrucken sollen; und daß also z. B. da, wo die eine, statt eines cigcnt- ,lichen, einen bildlichen Ausdruck gebraucht, die andere gleichfalls ein Bild, und zwar das nämliche Bild, mildennämlichen Farben f mit der nämlichen Schattennüschung, nothwendig auch gebrauchen müsse. Nein! Das hieße dieinnere Verschiedenheit der Sprachen, das hieße die geistigen, sittlichen und ländlichen Unterschiede der Völker selbstaufheben das ganze Menschengeschlecht über Einen Leisten schlagen wollen. *) Aber so viel kann von jeder wohl--gebildeten Sprache eines jeden Volks, das sich einer gewissen Stufe schon vollendeter Ausbildung rühmt, mit Rechtgefordert werden, daß sie alle Begriffe und Empfindungsarten, die irgend ein anderes gebildetes Volk in seinerMund - art auszudrucken vermag, mit allen dazugehörigen wesentlichen Bestimmungen , Abstufungen und Farben-mischungen , wicwol auf ihre Weise, wiewvl auf eine ihrem Geiste und i h r e n Eigenheiten angemessene Art, aus-zudrucken im Staude sei. Ist nun aber eine Sprache bis zu dieser Fülle des Reichthums und bis zu dieser Stufeder Vollkommenheit in einzelnen Fällen noch nicht ausgebildet.wie das von der unsrigen bisher wirklich eingestan-den werden mußte, so wie andern Sprachen in andern Fallen ebendieselbe Unvollkommenheit in Bezug auf die jin*srige anklebt so kann es freilich Falle geben, die aber sicher immer zu den seltneren gehören werden, wo die Noth-wendigkeit eintritt, folgende Regel anzuerkennen, und ihr gemäß zu verfahren:

daß, wo unsere Sprache für den in einem ausländischen Worte enthaltenen Begriff, mit allen seinen wc->sentlichen Bestimmungen und zur Sache gehörigen Nebcnbegriffen und Farben, noch keinen Ausdruckhat, undes gleichwol schlechterdings darauf ankommt, einen solchen Begriff nicht umschreibend, son-dern mit Einem Worte auszudrucken, wir das bisher übliche ausländische Wort aber wohlverstanden!nicht in Schriften, die fürs Volk, sondern nur in solchen, die ausschließlich für die gelehrten und sprach-kundigen Klassen geschrieben werden vor der Hand und bis cinDeutschcs dafür gefundensein wird, noch zu gebrauchen uns erlauben dürfen.

Mach dem, was ich bisher schon entwickelt habe und noch ferner entwickeln werde, glaube ich von allen demBestimmungen und Einschränkungen, mit welchen ich diese, wie die vorhergehende Regel wohlbedächtig versehn undgegen Mißbrauch verwahrt habe, auch nicht Eine aufgeben zu können, ohne an der guten Sache unsercrSvrachc eine.Dcrrätherci zu begehen. Immer bleibt also die Anwendung auch dieser, so wie der vorhergehenden Regel, nur eineVergünstigung für seltene Nothfälle, die künftig immer seltner Statt finden werden; und der Gebrauchdieser Vergünstigung ist und bleibt auf jeden Fall ein Gestandniß unserer Sprachdürftigkcit, und ein Vorwurf, derunserer guten, so überschwenglich fruchtbaren Sprache selbst, in den allermeisten Fällen, nur von Unwissenden ge-macht wird, der aber von Sachkundigen, mit größerem Rechte und nur mit wcnigenAusnahmcn, entweder auf diebeschränkte Sprachkenntniß, oder auf die Fahrläßigkeit des Redenden oder Schreibenden zurückgewälzt wird.

Hier sind ein paar Fälle, wo diese Regel, bisher wenigstens, eine rechtmäßige Anwendung zu leiden schien.

Die fremden Wörter Ode und lyrisches Gedicht haben bisjctzt in unserer Sprache nichts ihnen völliggleichkommendes gehabt/ Wollten wir für das erstere Gesang oder Lied sagen: so wäre jenes viel zu allgemein,dieses unpassend, weil es schon einer besondern Dichtungsart, nämlich dem leichteren Gesänge, angewiesen ist. Woll-ten wir für lyrisches Gedicht Leiergedicht gebrauchen: so würden wir den dadurch auszudruckenden Begriff mitNebenbcgriffen belasten, die er weder bei den Erichen hatte, noch bei uns haben soll. Denn i. gehört es nichtzum Wesen dieser Dichttmgsart, daß sie nothwendig von einer Leier begleitet werden muß man spielte auch dieFlöte dazu; und 2. ist die Leier bei uns nicht mehr so in Ehren, wie sie bei den Alten war; sie ist vielmehr einverächtliches Tonwcrkzcug geworden, so daß das Zeitwort leiern allemahl auf eine unangenehme und unedle Artdes Lviispicls oder des Gesanges deutet. Wir thaten daher bisjetzt ganz recht, lieber durch einstweiligen Gebrauchjener Grichischcn Wörter die Sprachrcinigkcit, als durch eine unvollkommene oder irreleitende Verdeutschung dersel-ben den dadurch auszudrückenden Begriff zu verletzen.

Allein

*) Das eint Volk hat oft diese, das aride« jene Merkmahle einer Sache, das eine die Beschaffenheiten atea, das andere die Be-schaffenheiten l c d e in seinen Begriff gesammelt und in einem Ausdrucke seiner Sprache zusammengefaßt. In diesem Falle sinddie Begriffe beider Volker zwar nicht völlig gleich, aber doch gleichgültig. Nur da hört die Gleichgültigkeit der Begrille,folglich auch der sie ausdruckenden Wörter auf, wo es gerade auf die Merkmahle » und <3, wvri» beide verschieden sind, ankommt,oder wo eins von beiden w e s e n t l i ch zur Cache gehört..