2b
Grundsätze, Regeln und Gränzen
keine andere, alS ihre Muttersprache, verstehen — neue Begriffe, in fremde Wörter gehüllt, vortragen wollte, derwürde oer Fuchs in der Fabel sein, der dem Storche dünne Brühe auf einem flachen Teller — etwas für ihn ganzungenießbares — vorsetzte.
Ant ersten kann und muß— doch nur vor der Hand noch, und hoffentlich nicht lange mehr— das Ein-mischen bisher üblicher fremd-artiger Wörter, in dem höhern wissenschaftlichen, nur für eigentlicheGelehrte bestimmten Vortrage, in denjenigen Fällen nachgesehn werden, wo wir für genaubestimmte undzugleich unentbehrliche Begriffe, bisher noch keine echtdeursche Wörter hatten, die jenen fremd-artigen untergescho-ben werden könnten. In einem solchen Vortrage zu wortreichen Umschreibungen seine Zuflucht zu nehmen, würdeentweder ganz unthunlich, oder doch wenigstens zweckwidrig sein, weil es hier, sowol auf ganz genaue B esti m mr-heit, als auch auf möglich größte Kürze des Ausdrucks ankomint, wenn ein strenger Beweis, nicht nur Deutlich-keit und Bündigkeit, sondern auch Faßlichkeit und leichte Uebcrsehbarkeit haben soll. Hier sind also Kunstwörter, wel-che die größte Bestimmtheit mit größtmöglicher Kürze vereinigen, unentbehrlich; und man ficht sich daher, wo wirdergleichen in unserer eigenen Sprache noch nicht haben, wider Wunsch und Willen, gezwungen, zu ausländischenzu greisen. Doch müssen wir auch hier, ehe wir von einem fremd-artigen Kunstworke Gebrauch zu machen uns er-lauben, erst wol umhergeschaut und sorgfältig nachgeforfcht haben, um gewiß zu sein, daß der einstweilige Noth-gebrauch eines solchen Worts vor dem Geiste unserer Sprache mit einer noch wirklich fortdauernden Armuth fürden gegebenen Fall entschuldiget werden könne; weil die Anwendung dieser Nothbefugniß jedesmahl so viel als einausdrückliches Gcständniß ist: daß unsere Sprache und unsere Völkerschaft noch zu roh und ungebildet sind, um dieBegriffe, die wir mit fremden Wörtern vortragen, aufnehmen und fassen zu können. Auch müssen wir den Wunschund die Bemühung, das aus Noth gebrauchte fremde Wort, je eher je lieber durch ein echtdeutsches zu ersetzen, janicht aufgeben, sondern vielmehr mit Beharrlichkeit fortsetzen; denn es ist und bleibt mit dem Gebrauche der fremdenoder fremd-artigen Kunstwörter doch immer der große Nachtheil unzertrennlich verbunden, daß nicht bloß die dareingehüllten Begriffe selbst, sondern auch der ganze Vertrag, dem sie eingewebt sind, nur dem tausendsten Theil unsererVölkerschaft zu gute kommen können.
Hr. Gedikc behauptet einen Satz, der, wenn er gegründet wäre, unserer obigen Regel eine weit größereAusdehnung geben würde, als ich ihr einräumen zu dürfen geglaubt habe. Er erklärt sich nämlich *) gegen alle Um-schreibungen (also auch, wie es scheint, gegen diejenigen, da wir einen Begriff, in Ermangelung eines eigenen ge-nau bestimmten Worts, durch zwei oder drei Wörter auszudrucken uns gezwungen sehn); und verlangt, daß jeder Be-griff sein eigenes einzelnes Wort haben müsse, wodurch er vollständig ausgedruckt werde. Wäre nun diese Meinunggegründet, 'so würden wir in jedem Falle, da wir ein fremdes Wort nicht durch Ein einheimisches übersetzen kön-nen, gcnöthiget fein, das fremde in unsere Sprache aufzunehmen. So schön und überredend aber auch jener Schrift-steller diese seine Meinung darzulegen gewußt hat, so kann ich ihm doch, wenn dadurch auch die Zerstückelung zu-sammengesetzter Begriffe ausgeschlossen werden soll, darin nicht beipflichten. Denn erstens gibt es keine Sprache inder Welt, die dieser strengen Foderung ein Genüge thun, also jeder Art von Umschreibung, besonders bei Ueberse«tzungen aus andern Sprachen, entbehren könnte. Zweitens ist es, wie ich schon oben erinnert habe, in vielen Fäblen, nicht nur keineswegcs nachthcilig, sondern vielmehr rakhsam, einen, besonders sehr zusammengesetzten, Begriff(selbst dann, wenn wir ein eigenes Wort dafür haben) in seine Bestandtheile aufzulösen/ und jeden derselben durchein besonderes Wort auszudrucken. Hiedurch wird, wenn es mit Verstand geschieht ■— und dis wird ja bei jeder Sa-che, die gut gerathen soll, also auch hier, vorausgesetzt-— die Deutlichkeit nicht gehindert, sondern vielmehr augen-scheinlich befördert; und wenn es zugleich mit Geschmack geschiehet, so kann auch die Schönheit der Schreib-art da-durch eben so wenig beeinträchtiget werden. Was verliert z. B. die Deutlichkeit oder der gute Vortrag, wenn ich denzusammengesetzten Begriff, den das Wort Naivität einschließt, durch zwei oder drei Deutsche Wörter— unbe-fa eigene Natürlichkeit, oder natürliche Unbefangenheit, oder unschuldige und unbefangeneNatürlichkeit und Einfalt-—- wiedergebe? Die Deutlichkeit gewinnt vielmehr dabei, und der ganze Nachtheil,der für den Vertrag daraus entsteht, schränkt stch auf den unbedeutenden Umstand ein, daß man einige Silben mehraussprecsien muß. Doch Hr. G e di ke hat vermuthlich nur die wortreichen und schleppenden Umschreibungen im Sin-ne gehabt; und dann ist alles, was er darüber gesagt hat, vollkommen passend. Allein der Sprachgebrauch dehnt,incine ich , die Bedeutung des Worts Umsch re i b u ng weiter aus. Man umschreibt, wenn man den Sinn Ei-nes Worts, durch mehre Wörter ausdruckt, es mag dis durch zwanzig oder nur durch zwei oder drei geschehen. Hiersind seine Worte:
„Aber
Ueber Purismus (Sprachreiu^uuL) und Sprachbereicherung. Deutsch. Museum. N»v. 177-.