der Verdeutschung.' 27
Aber leider! mangelte es bisher auch in solchen Fächern der menschlichen Künste und Wissenschaften, die derDeutsche Geist und Fleiß nicht erst seit gestern zu bearbeiten angefangen haben, nicht an Begriffen, wofür unsereSprache — ich erröthc in unser aller Namen, indem ich es niederschreiben muß —> noch immer keine Zeichen hatte.Man wird alle die fremden Wörter, die wir bisjctzt, in Ermangelung eigener Ausdrucke zur Bezeichnung solcher Be-griffe gebrauchen mußten, zugleich mit Vorschlagen, wie sie durch Deutsche ersetzt werden können, in nachstehendemWörterbuche finden.
Um aber, so viel an mir ist, Mißverständnissen vorzubauen, die hier so leicht entstehen und für die gute Sa-che unserer Sprache sehr nachthciligc Folgen haben können, muß ich auf die der obigen Regel beigefügten nahem Be-stimmungen— wenn der Begriff oder die Sache nicht theil weise, sondern ganz und auf einmahl ausge-druckt zu werden verlangt, und in Schriften, die nicht fürs Volk, sondern nur für die gelehrten undgebildeten Klassen bestimmt find—noch etwas mehr Licht fallen lassen.
Was zuvörderst die erste von diesen beiden Bedingungen betrifft, so sieht jeder, ohne mein Erinnern, wolvon selbst ein, daß es oft, nicht bloß erlaubt, sondern auch zur Beförderung der Deutlichkeit oder Klarheit unsererVorstellungen sogar rathsam und nöthig sei, die durch ein einziges fremdes Wort bezeichneten zusammengesetzten Be-griffe, indem wir sie in die Deutsche Sprache und dadurch in die Deutsche Gcdankenmasse überkragen wollen, ab-sichtlich von einander zu trennen und sie nicht, als ein unthcilbarcs, in sich selbst verschlungenes Ganzes,' auf einmahl,sondern vielmehr stückweise auszudrucken. Dann findet, wie eS sich von selbst versteht, die Nothwendigkeit, daS frem-de Wort, in Ermangelung eines eigenen, ebensoviel umfassenden zu gebrauchen, nicht weiter Statt; und es ist indiesem Falle keine Unvollkommenheit, sondern vielmehr eine Vollkommenheit der Sprache mehr, wenn sie einen sehrzusammengesetzten Begriff, oder gar mehre von einander ganz verschiedene Begriffe, die ein anderes Volk in ein ein-ziges Wort seiner Sprache oft unschicklich genug zusammengepackt hat, durch eben so viele besondere Wörter zu be-zeichnen und von einander abzusondern, durch den Mangel eines eben so vieldeutigen Worts, gezwungen wird.*)Wer wird z. B. unserer Sprache einen Vorwurf daraus machen wollen, daß sie die mannigfaltigen Bedeutungen desFranzösischen Works Bonner durch schallen, tönen, klingen, klingeln, läuten, schellen, schlagen,blasen u. s, w. oder diejenigen, welche das Französische cdamer einschließt, durchsingen, krähen, zirpenm. f. w. auseinanderzusetzen, und jede derselben besonders zu bezeichnen, durch ihren Reichthum an bestimmtem Wör-tern von einfacherer Bedeutung, gezwungen wird % Was ab« von dieser Vielheit ganz verschiedener, oft sehr unschick-lich in ein einziges ausländisches Wort zusammengefaßter Begriffe gilt, das gilt auch nicht selten von einem einzi-gen, gar zu zusammengesetzten Begriffe, dessen Theile als eben so viele besondere Begriffe angesehn und, nicht bloßohne allen Nachtheil, sondern oft sogar auch mit wirklichem Gewinne für die Deutlichkeit unserer Vorstellungen, voneinander getrennt und durch eben so viele besondere Wörter besonders ausgedruckt werden können. Die obige Regel§cht also nur auf solche Fälle, wo die Zerstückelung eines zusammengesetzten Begriffs der Absicht des Redenden oderSchreibenden zuwider ist, indem es etwa gerade darauf ankommt, die verschiedenen Bestandtheile des Begriffs auseinmahl zusammenzufassen, und sie der Vorstellungskraft des Hörenden oder Lesenden in Einem Worte darzubieten.
Sie geht auch zweitens, wie ich nicht oft genug wiederholen kann, nur auf diejenigen Fälle, wo, nicht fürSVolk, sondern ausschließlich nur für die gebildeten Klassen, welche fremde Sprachkenntniß erworben haben, geredetoder geschrieben wird. Denn in jenem Falle würden wir, wenn wir unsern Vortrag mit ausländischen Wörtern durch-spicken wollten, doch nur etwas ganz vergebliches thun, weil, wie ich oben dargcthan habe, dergleichen fremde Wör-ter, entweder schwer und langsam (wenn sie nämlich sinnliche Dinge bezeichnen) oder niemahls (wenn sienämlich abgezogene und allgemeine Verstandes- und Vernunftbegriffc enthalten) gemeinverständlich werden und in dieVolkssprache übergehen können. Wer also dieser Klasse von Menschen — wozu ohne Ausnahme alle gehören, die
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*) Einigen Beurtheilen, meiner frühern Beksuche der Sprachcei nignng scheint diese Betrachtung entgangen zu sein, sonstwürden sie einaesthrn haken, daß nicht jedes vieldeutige snsländische Wort so verdeutscht werden müsse, daß die darin enthaltenen,oft ganz üngleichartiaen Begriffe wiederum in ein einziges Wort zusammengepreßt werden. Sie wurden also z. B. das von mirvorgeschlagene Wort Zartgefühl nicht deswegen für verwerffich erklärt haben, weil es nicht auf alle Bedeutungen des viel«deutiaen Französischen Worts Delicate sse, z. B. nicht auf dicienige paßt, da es von Gegenständen der Empfindung, nichtvon der Empfindnbg selbst, oder auch von körperlichen DiNaen, B. von Speisen, gebraucht wird. Genug, daß das neue Wortfür dieicnigen Fälle paßt, wo die Zartheit der Empfindungen . nicht das Zarte außer ihnen, bezeichnet werden soll. Wtnn vondem letztem die Rede ist, so können wir ja Zartheit und Feinheit, uud in Bezug auf körperliche Genusse, Niedlichkei-ten, Leckerbissen u. s. w. dafür sagen.