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Grundsätze, Regeln und Gränzen
-er Ausbildung schon eine höhere Sprosse, als wir, erstiegen haben, zuzueignen suchen. Kann dis nun in einzelnenFallen nicht anders geschehen, als daß wir, für den Augenblick wenigstens und bis auf weiter,auch die Worthülle eines oder des andern, unserer eigenen Sprache noch fremden Begriffs annehmen, der zu dieserGedanken-erweiterung mit gehört: so scheinen wir vollkommen dazu berechtiget oder vielmehr dazu gezwungen zu sein.Nur daß wir dabei nicht vcrgeffen müssen, daß das, was wir auf diese Weise erwerben, dadurch noch nicht zumEigenthume des Volks, sondern bloß der gelehrten und gebildetenKlassen wird; nur daß wirdaher den Vorsatz und die Bemühung, das ausländische Wort, sobald wir können, durch ein einheimischeszu ersetzen und es dann sofort zurückzugeben, um dadurch den Inhalt desselben nun auch zum Volks-cigenthume zumachen, dabei niemahls aufgeben müssen. Hieraus folgt also die Regel:
- „daß, wo wir in Schriften, die nicht fürs Volk, sondern nur für die gelehrten und gebildeten Klaf-fen bestimmt sind, zur Bezeichnung eines Begriffs oder einer Empfindung, die nicht theilweise, son-dern auf einmahl und ganz gedacht, gefühlt und ausgedruckt zu werden verlangen, noch kein Wortin unserer Sprache haben, wir ein ausländisches Wort so lange aufnehmen und gebrauchen dürfenund müssen, bis unsere Sprache ein gleichbedeutendes aus ihren eignen Mitteln hervorgebracht ha-ben wird.
Besser etwas für einige, als gar nichts für alle; besser ein aus der Fremde entlehntes Kleidungs-stück, die Blöße einiger Glieder der Familie damit zu decken, als daß die ganze Familie nackt gehe; nur daß dasnoch Bessere — das Selbst-erzcugke und Selbst-erworbcnc für alle — deswegen nicht aufhören muß, der Zweckunserer unaufhörlichen Bemühung zu sein. Alle, so gebrauchte ausländische Wörter, sind und bleiben immer nurNothwörler, Zeugen unserer bisherigen Armuth; und dürfen daher nie für immer oder gar ausschließlich auf-genommen, sondern nur vorder Hand und bis auf weiter geduldet werden. Schande über den unvaterländischcnDeutschen, der diese Vergünstigung zum Deckmantel seiner Gemächlichkeitslicbe und seiner unrühmlichen Unbekannt-schaft sowol mit den schon zu Tage geförderten Schätzen unserer Sprache, als auch mit den unerschöpflichen Fund-gruben derselben, mißbrauchen wollte! Die Fälle, wo wir von dieser Vergünstigung —wicwvl nur in Schriften,die nicht für jedermann, sondern nur für die gebildctcrn Klassen bestimmt sind*) — Gebrauch zu machen uns durch-aus gezwungen sehen, sind in der That viel seltener, als selbst einige unserer besten Schriftsteller, z. B. ein W i e-land, zu glauben scheinen; und zum Beweise berufe ich mich hier auf diejenigen unter uns, die ihre Sprache ge-nugsam ehren, um sich ohne Noth keine Verunstaltung derselben durch ausländischen Flitterstaat zu erlauben. Su-chet, heißt'cs auch hier, so werdet ihr finden. Aber freilich ist das Suchen mühsamer, als das Zugreifennach deut Ersten dem Besten, was uns gerade zur Hand liegt!
Am meisten verdient in Fallen dieser Art der Nothgebrauch ausländischer Wörter alsdann entschuldiget zu wer-den, wenn eben irgend ein neuer Sprößling der menschlichen Erkenntniß auf fremden Boden schnell hcrvorschicßt,und nun von da aus plötzlich zu uns herübergebracht wird. Dann ist unsere Sprache zu entschuldigen, wenn sie fürhie, uns bis dahin fremden Begriffe, womit man uns unvorbereitet überrascht, nicht schon Ausdrücke vorräthig hat,oder in dem Augenblicke hervorzubringen im Stande ist. Dis war z. B. vor einigen Jahren der Fall, als die uns nciic,obgleich in einem Deutschen Kopf entstandene Schwärmerei dcö sogenannten Magnctisirens aus Frankreich zu«ns herüberkam. Unvorbereitet auf diese Seltsamkeit, waren wir damahls freilich genöthiget, den ausländischen Kunst-wörtern, nwein sie uns überliefert wurde, eine Zeitlang freien Lauf zu gönnen. Wäre indeß, zur Ehre des gesun-den Deutschen Menschenverstandes, diese Modeschwärmerei nicht beinahe ebenso geschwind wieder bei uns verschwun-den, als sie entstanden war: so würde es uns und unserer Sprache zum gegründeten Vorwurf gereichen, wenn wirdie Wörter manipuliren, Somnambüle, Crise, Rapport, Exaltation, Desorganisationu. s. w. nicht schon längst gegen Deutsche ausgewechselt hätten. Jetzt hingegen, da die magnetische Gaukelei ein Endegenommen zu haben scheint, mag es sich der Mühe, jene Wörter zu verdeutschen, kaum mehr verlohnen; dürfte esvielmehr im Gegentheile sogar rathsam sein, sie nicht zu verdeutschen, um der Nachwelt keine Beweise zu überliefern,daß es auch unter uns nicht an Leuten fehlte, welche die Schwachheit hatten, sich nnd andere eine Zeitlang ernsthaftdamit zu beschäftigen.
Aber
*) Denn in BolkSschciften oder in solchen, die für jedermann sein sollen, ist diese Vergünstigung in jedem Falle durch«»«unzuläßig.