Ä4 ' Grundsätze/ Regeln und Gränzen
sen wir unS also in Erduld fassen, und auf die Erlösung von diesem Ueberbleibscl von Barbarei durch diejeni-gen harren,
quos penes arbitrium est,die hierüber zu gebieten haben.
Indeß ist es nicht bloß erlaubt, sondern auch gut und nothwendig, daß Schriftsteller da, wo ste nicht zuden betitelten Personen selbst, sondern im Allgemeinen davon reden, sich des Gebrauchs jener undcutschen Tileiwör-ter, soviel möglich, enthalten und dafür Deutsche in Umlauf zu bringen suchen, alio z. B. nicht C om missa ri u s,Assessor, Advokat, Leibmedikus, Justiziarius, u. s. w., sondern Bevollmächtigter, Beisi-tzer, Anwalt oder Sachwalter, Leibarzt, Gerichtsverwalter, u.s.w. sagen.
Mehr, als diese, bishiehcr auseinandergesetzten sieben Klassen von Wörtern, bei welchen der Sprachreinigungunübcrschrcitbare, und zwar, bis auf die letzte nach, immerwährende Schranken gesetzt sind, habe ich nicht bemerkenkönnen. Zwar habe ich neulich irgendwo*) noch Eine Gattung von Wörtern, bei welchem die Verdeutschung für im-mer widerrathcn wurde, angegeben gefunden; allein der Grund, worauf der Verfasser sich dabei stützte, scheint einegenauere Prüfung nicht aushalten zu können. Er wollte nämlich:
„daß auch diejenigen fremden Wörter, besonders diejenigen fremden Kunstwörter, beibehalten würden, diewir zugleich mit den Begriffen oder Sachen, die dadurch ausgedruckt werden, von Ausländern erhalten habens
Und warum dieses?
„Um nicht, hieß es, durch ihre Wegschaffung eine Spur zu vertilgen, auf welcher man, auch ohne Sprach-forscher zu sein, sich so leicht zu der Quelle zurückfinden kann, aus welcher sie in unsere Sprache gekommensind ; wie das z. B. bei unsern musikalischen (tonkünstigen oder zur Tonkunst gehörigen) militärischen (Kriegs-)und kaufmännischen Kunstwörtern der bekannte Fall ist."
Allein ich antworte:
1. daß dieser Grund, wenn er gültig wäre, mehr beweisen würde, als dadurch bewiesen werden soll. Dennes würde daraus folgen, daß wir auf eine Deutsche Kunst- und Wissenschaftssprache überhaupt, wenigstens für dieAnfangsgründc der Künste und Wissenschaften, ganz und für immer Verzicht thun müßten; weil wir diese Anfangs-gründe sammt und sonders — einige Künste, z. B. die Buchdruckerkunst, ausgenommen —ursprünglich nicht unserereigenen Erfindung, sondern einer Vcrpfianzung aus der Fremde, verdanken.
2. Daß die Sprache kein geschichtliches (historisches) Kunstwörterbuch sein soll, welches die Geschichte der Er-findungen nachweiset. Vor Erfindung der Buchdruckcrkunst konnte es allerdings für eine nicht zu verschmähende Voll-kommenheit der Sprache mehr gelten, wenn sie die ihr eingedruckten Spuren der Entstehung und Fortpfianzung dermenschlichen Kenntnisse und Kunstfertigkeiten aufbewahrte; weil Geschichtsmerkwürdigkeiten aller Art damahls leichtverloren gehen konnten. Allein zu unsern Zeiten ist für die Aufbewahrung der Geschichtsumstände, welchen auslän-dische Wörter zum Denkmahl dienen könnten, durch so viele Schriften, in so vielen Sprachen und in so vielen Ab-drücken gesorgt, daß dieser Zweck nicht mehr durch eine ängstliche Aufbewahrung jener Wörter erhalten zu werdenbraucht. Hiezu kommt, daß der gelehrte Sprachforscher das ausländische Wort, an welchem irgend eine Geschichts-nachweisung haftet, auch wenn es lange schon durch ein Deutsches verdrängt sein wird, auf jedesmahliges Verlangen,zu finden und vorzuweisen noch immer in Stande sein wird. Und endlich
Z. daß dergleichen Gcschichtsnachweisungen durch bloßen Wörterklang am Ende doch nur demjenigen, der imBesitze mehrer Sprachen ist, nicht aber dem Ungelehrten, der keine andere als seine Muttersprache versteht, zu Stat-ten kommen können. Allein jener kennt andere Quellen, aus welchen er die an undeutschen Wörtern haftenden Ge-schichtsumstände bestimmter und sicherer**) schöpfen kann; indeß für diesen alle dergleichen Nachweisungen durch aus-
ländi-
*) Im Lrannschwcigischen Magazin von 1792.
") Denn das ausländische Wort würde ihn doch oft ungewiß lassen, od die Sache, die es bezeichnet, aus Italien, Frankreich, Spa-nien »der Portugal zu uns gekommen sei, weil die Sprachen dieser Länder bekanntlich viele Wörter mit einander gemein haben.Wer kann j. B. dem Worte Olive ansetzn, aus welchem Lande es eigentlich zu uns übergegangen sei? Und welcher Geschichts-umstand geht also verloren, wenn wir Oelbcece dafür sagen, so wie Oelba um für Oliven da um?