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1 (1808) A - E
Entstehung
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Grundsätze, Regeln und Gränzen

Ein zweites hichergohörigcS Beispiel ist das Wort Baldachin. Auch wenn dicseS wirklich von dem Nieder-deutschen Worte B o I d e ck, womit es einerlei Bedeutung hat (S. Drem. Niederd. Wörterb.), herkäme, und. alsomit diesem zugleich von dem altdeutschen Voll oder Poll, das Haupt, und Deck, die Decke abzuleiten wäre:so würde doch die undeutsche lange Endsilbe in hinlänglich beweisen, daß wir es zunächst von dem Italischen Bai-'dachino oder von dem Französischen Baldacliin, ßaldaquin entlehnt haben. Hiczu kommt, daß Ad elnn gs Ver-muthung: diS Wort habe ursprünglich ein zu Baldach (Babilon) versertigtes Zeug, wie Damast von Damaskus,bedeutet, mehr Wahrscheinlichkeit für sich hak. In jedem Falle aber ist der Klang dieses Worts, besonders der ge-dehnten Endung wegen, nnscrer Spbächc fremd; und wir thun daher recht, so ungemein lieblich auch sein Klang ist,es gegen Traghimmcl, Thronhimmel oder P ra ch th i mm ei zu vertauschen.

2. Auch solche Wörter, die wir wirklich, wenigstens zunächst, aus einer fremden Sprache entlehnt ha-^den, welchen wir aber, ehe wir sie aufnahmen, durch Wegwerfung der fremd-artigen Silben, oder durch Der-Wandelung der dem Deutschen Ohre sremdklingenden Laute in einheimische, das echte Gepräge der Deutsche,eitaufgedruckt haben, verdienen, wofern sie einmahl wirklich schon eingebürgert und volrsmaßig geworden sind, und,wofern keine andere Ursache ihre Austilgung rathsam macht, seht nicht mehr ausgemarzt, sondern beibehaltcn-zu werden. Hieher gehören z. B. Abbt, Priester, Bischof, Pabst, Fest, Tempel, Christ, Kanzel,Almosen, Schule, Regel, Brille, Brief (von breve , falls wir es nicht etwa lieber mit F u l d a von demalten Stamniwortc fiten oder ri b en, sculpere, herleiten wollen), Abenteuer (wofern wir nicht etwa daSFranzösische Eventure lieber für ein Kind, als für die Mutter, dieses Deutschen Ausdrucks halten wollen), Prinz,Pulver, predigen, Körper, Arzt, (von artista), Zirkel, Fabel, Titel, Tafel, Siegel, Klas-se, Form, Meile, Kloster, Marter, martern, Märtercr, (nichtMärt p rer, weil es sonst noch hälöGrichisch, nicht ganz Deutsch sein würde) Kirsche, Pfirsich, Pflaume, und eine Menge andere.

Ehe ich diese beiden Abtheilungen von Wörtern verlasse, muß ich ihnen noch folgende Anmerkung beifügen.

So gegründet unsere Befugniß ist, diese Wörter ferner und immer zu gebrauchen; und so vergeblich unkthöricht daher die Bemühung sein würde, sie entweder aus unserer Schriftsprache, oder aus unserer Umgangsspra-che, oder aus beiden auszumärzcn: so wird doch, obgleich die S p ra ch r e in i g ung bei ihnen still stehen muß, derBereicherung der Sprache keincswcges eine Gränze durch sie gesetzt. Wir gebrauchen nämlich, wie ich schonanderwärts angemerkt babe'), wenn unsere Sprache das Lob einer reichen verdienen soll, in manchen Fällen,mehre Wörter und Redensarten für einen und eben denselben Begriff. Wir gebrauchen Ausdrücke fürdie erhabene; dichterische, ernste Schreibart; andere für die leichtere, bandlofe (prosaische), scherzende , aber dabeiNoch immer edlere Büchersvrache; und wiederum andere desselben Inhalts für die tägliche Umgangssprache im gemei-nen Leben. Wenigstens kann es in keinem Falle schaden, in manchem aber, besonders für den Redner und Dich-ter, die alles, was durch den täglichen Gebrauch zu gemein, oder gar unedel geworden ist, nicht zu sorgfältig vermei-den können, von großem Nutzen sein, wenn wir unserer Sprache einen solchen Reichthum in Ansehung mchrcrWör-ter bei vielen hat sie ihn schon zu erwerben suchen. Gesetzt also, es brächte jemand, ohne sich anzumaßen, je-ne einmahl eingebürgerten Wörter verdrängen zu wollen, andere gleichbedeutende, entweder ncugeprägte , oder aus demFundgruben unserer Sprache hervorgcsuchte, für solche Fälle in Vorschlag, wo sie um irgend eines vernünf-tigen Grundes willen vor jenen den Vorzug verdienten: so würde es unrecht sein, ihn sofort und um desalleinigen Grundes willen, daß wir für die nämlichen Dinge schon Wörter in unserer Sprache hätten, damit ab-zuweisen. Man prüft vielmehr das angebotene neue Wort; und ist es gut, so lasse man sich durch den Umstand,daß wir schon ein anderes für dieselbe Sache haben, keineswegcs abhalten, es anzunehmen. Hier nur ein paar Bei-speile solcher Art. Märtercr und Fenster sind Wörter der obigen beiden Abtheilungen, welche das DeutscheBürgerrecht schon erhalten haben, und immer behalten sollen; aber kann und darf neben dem ersten nicht auch dasschöne, reindcutschcWort B lu tz eu g c Statt finden? Oder gesetzt, es schlüge jemand, und zwar zum Gebrauchefür Dichter, statt des zweiten, durch den Altagsgebrauch schon gemein gewordenen, ein neues, schöner klingen-des etwa Lichkpforte *') vor; verdiente er denn sofort damit verlacht oder abgewiesen zu werden? Ich denke, nein!Dem Dichter könnten sie über kurz oder lang doch wol zu Statten kommen.

Ich

*) Zweiter Versuch Deutscher Sprachbereicherungen. Braunschweig 1792.

**) Ein Mitglied der fruchtbringenden Gesellschaft bildete Tagleu chter. Dis ward oerworfcn; mit Recht! Aber nicht deswegen,weil wir schon Fenster hatten, und neben diesem kein anderes dulden wollten; sondern weil dis neue Wort ungeschickt gebildetwar, und eher einen Leuchter, der bei Tage gebraucht werden soll, als ein Fenster bezeichnete. Die nämliche Bewandniß hatte esmit andern, eben so ungeschickt gebildeten Wörtern, die jene Gesellschaft und ihre Nachfolger in Vorschlag brachten, B. W > n d-fang, Prunk euch. 2 ungfernzwi nger n.s. w. Wer konnte dabei zunächst an Mantel., Tapete und Kloster denken?