Druckschrift 
1 (1808) A - E
Entstehung
Seite
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Grundsätze, Regeln und Gränzen

hinzudenken zu lassen, und dem Begriffe Don Religion so viel fremd-artiges unsinniges, aftergläubkges und seelen-vcrderblichcs unterzuschieben, als sie seinem Verstände und seinem Gewissen aufzubürden für gut und ihren Absich-ten gemäß fanden. Hätte man hingegen bei Annahme des Christenthums, statt jenes Römischen Worts, das beintRaban Maurus (S. Adelung) sich findende alldeutsche E-hafti, von E Gesetz und haften, oder das vonNötker gebrauchte E-lialki, von dem nämlichen Suchwvrte E und halten (Gesetzhaltung) - die beide so bedeu-tungsvoll, wenn gleich für den Begriff Religion nicht erschöpfend, waren beibehalten: so würde weder die Ver-fälschung der Religion durch so viele abcrgläubige Zusätze eben so leicht gewesen sein, noch die Zurückführung deSVolksvcrstaudes auf das wahre ünd einfache Wesen der Religion, so viele Schwierigkeiten finden, als es nunmehrder Fall ist. Das Wort Gesctzhaltung würde immer von selbst daran erinnert, wenigstens dem weisen Volks«lchrer die Erinnerung erleichtert haben, daß es dabei nicht sowvl auf blindes Glauben unverständlicher Sätze, alsvielmehr auf sittliche Vorschriften oder Gesetze, und zwar nicht auf ein bloßes Wissen und Hersagen, sondern aufsBeobachten oder Halten derselben ankomme.

So groß ist der Einssuß, den die Reinheit der Sprache auf der einen, und ihre Verunreinigung auf der an»dorn Seite, in einzelnen Fällen auf die Denk-art, und durch diese auf den sittlichen Zustand eines ganzen Volks ha-ben und Jahrtausende hindurch behaupten können!

iicbrigens bestätiget das Wort Religion die oben berührte Bemerkung: daß ausländische Wörter, die un»sinnliche Begriffe einschließen, entweder nie! oder doch sehr langsam in die Volkssprache übergehn. Noch heute, nach-dem dis Wort seil lausend Jähren in allen Volksschulen und auf allen Kanzeln gehört worden ist, ist es dem gemei-nen Manne noch immer nicht geläufig geworden, und er hat die Nothwendigkeit gefühlt, sich selbst ein Deutsches da-für zu schaffen; nur Schade, daß seine Wahl dabei gleich alls auf ein irreleitendes gefallen ist. Er sagt, wenigstensin Niederdeurschland, gewöhnlich de Glvve (der Glaube); und bildet sich nun ein, alles gethan zu haben, was dirReligion verlangt, wenn er glaubt, was ihm zu glauben geboten wird.

Die Gesichtspunkte, die ich znr Beurtheilung der Nothwendigkeit, unsere Sprache, soviel möglich, von frem-dem Wortgcmengscl zu reinigen, hier angegeben habe, scheinen von den besten Köpfen unter «ns, die ihre Stimmeüber diesen Gegenstand erhoben hüben, sogar von. einem Garve! bisher ganz unbemerkt geblieben zu sein, soUnbegreiflich dis auch scheinen mag, da man glauben sollte, daß sie sich jedem ernstlich darüber Nachdenkenden zu al-lererst und von selbst darbieten müßte». ES sei mir erlaubt, dieses Urtheil mit folgender Stelle aus einem sonst treff-lichen Aufsätze *) des genannten Schriftstellers zu belegen, und ihr einige zur Sache gehörige Erinnerungen beizufügen.

Es ist freilich ein Uebelstand und eine Uebequemlichkeit (o wenn,« nick das, wenn'« nicht auch zugleich ein unmög-lich j ü übersteigendes Hinderniß der Volksaufklörnng wäre!) daß wir ausländische Wörter in unsere Sprachemischen, weil wir (in dcN aUecmristen Fallen irriger Weise und au« bloßer GcmLchlichkeitslicbe) glauben, die damit verknüpftenIdeen (Begriffe) durch keine Deutsche ausdrucken und doch ihrer nicht entbehren zu können. Indeß haben wir diesenUebclstand und diese Unbequemlichkeit mit den meisten Sprachen und Nationen (Völkerschaften) der Welt gemein, undbei keiner hak er (haben sie) den höchsten Flor der Beredsamkeit und die vollkommenste Cultur (Ausbildung) der Sprächeverhindert."

Man ficht Hr. G. ha! hier nur die gebildeten Europäischen Sprachen, die Französische, tztalische, Englischeund Spanische im Gesicht, und diese verdienten hier auch nur genannt zu werden. Allein da muß ich mir die Freiheitnehmen, ihn zu erinnern: r. daß er selbst uns auf der folgenden Seite einen guten und richtigen Grund angegebenhat, warum das Einmischen fremder, besonders Lateinischer und Grichischer, Wörter bei den genannten Sprachenthunlicher, und, setze ich hinzu, auch zugleich unschädlicher war, als bei der unsrigcn; 2. daß nicht die Beförde-rung der Beredsamkeit, noch weniger die Ausbildung der Sprache an sich, stmdern vielmehr die allgemeine Volksauf-klärung und Dolksvercdelung der letzte und höchste Zweck des Anbaus der Sprache sein müssen: 3. daß die Volks-aufklärung und VolkSvercdelung dort durch ein solches Einmischen, zwar weniger als bei uns, aber in einem gewis-sen Grade doch auch nothwendig erschwert und gehindert werden; und endlich 4. daß Fehler, die wir begehen, nichtdurch Fehler von andern begangen, gerechtsertiget werden können. Hr. G. fährt fort:

Die

) Einig« allgemein« Detcachtutigin über Sprächverbcsseruilg von C. Äarve, in dem ersten Band« der D«i»rrügk zur Deutschen Sprachkund«. Berlin 1794.