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Grundsätze, Regeln und Gränzen
sie vornehmer »IN- eine Dienerinn der Gelehrsamkeit und der Höfe ward, von ihrer ehemahligen jungfräulichen Züch.tigkeit und Strenge allmählich nach; wurde von Jahr zu Jahr freier und ausgelassener im Umgänge mit Fremdlin-gen, undes fehlte am Ende wenig, daß sie nicht alle Scham verlor, und, feilen Lusidirncn gleich, sich einer schänd-lichen Vermischung mit jedem, ihr noch so fremden Ankömmlinge, Preis gab. Diese Beobachtung hat etwas auffallen-des. In dem Zustande der niedrigsten Dürftigkeit, wo die Armuth jede Annahme, auch die des Fremd-artigsten,entschuldiget haben würde, zeigte unsere Sprache, so oft sie durch Noth gezwungen ward, etwas ausländisches anzu-nehmen, sich strenge und ekel gegen alles, was ihrer alten Art und Weise zuwider war, und bequemte sich eher nicht,den ihr unentbehrlichen fremden Lappen anzulegen, als bis sie ihm den vaterländischen Schnitt und Kniff gegeben hat-te; wie man aus den bereits angeführten Beispielen und hundert andern deutlich ersehen kann. So verfuhr, und soverfährt sie auch noch jetzt in ihren Mund-arten, welche noch nicht Bücher- und Hofsprache geworden sind. Aber kaum 'fing sie, erst in Oberdeutschsand, dann in Sachsen an, sich aus der Einfachheit und Niedrigkeit einer bloßen Volks-sprache zu der Verfeinerung und dem Glänze einer gelehrten Schriftsprache und einer Sprache für die große und fei-nere Welt hinaufzuschwingen: so wurden die Veränderungen, welche die aufzunehmenden fremden Wörter, um fürDeutsche zu gelten, leiden mußten, immer geringer, und bestanden zuletzt größtcntheils nur noch in einem angehäng-ten n oder t für ausländische Sachwörtcr, und in einer Umwandelung der Endsilben re, ir oder er in iren für dieZeitwörter; bis endlich der Damm der Sprach-ähnlichkcit völlig frech durchbrochen und die arme Sprache nunmehr ei-ner gräulichen Sündfluth von fremden, zum Theil ganz unverändert gebliebenen Wörtern, gänzlich Preis gegeben ward.
Dieser letzten Verunreinigung kann indeß, wie eS scheint, noch größtentheils abgeholfen werden. Einigewenigehiehergehörige undeutsche Wörter ausgenommen, die zu tiefe Wurzeln, sogar in die Volkssprache schon, geschlagenhaben, als daß sie ganz wieder ausgerottet werden könnten, haben glücklicher Weise die übrigen alle bisjetzt noch einso schwankendes und erbetteltes (prccaircs) Dasein für uns, daß sie —> wie es mit vielen von ihnen bereits glücklichgeschehen ist—füglich wieder ausgetilgt und durch cchtdeutfche ersetzt werden können. Was Luther-mit einer Spra-che, die er selbst erst bilden mußte, zu bewerkstelligen möglich fand*); was nachher, da der sprachverwirrende Un-fug Ueberhand genommen hatte, zur Wiederherstellung der Lutherschen Sprachrcinheit, seit dem Entstehen der frucht-bringenden Gesellschaft bisjetzt, wirklich schon geleistet worden ist, das zeigt uns, was noch ferner geleistetwerden kann. Der gröbste Unrath ist glücklich ausgekehrt; die noch übrigen Stanbtheilchen werden uns, wofern wirMänner sind, doch auch nicht Alpengebirgc zu sein scheinen. Nur etwas weniger Gemächlichkeitsliebe und Fahrläßigkeitauf Seiten unserer guten Schriftsteller; nur etwas mehr Strenge gegen Sprachversündigungen überhaupt und ge-gen muthwillige Verunreinigung unserer Sprache durch ausländisches Wortgemengsel insonderheit, auf Seiten unsererwirklichen Kunstrichtcr; nur etwas weniger Kälte und Gleichgültigkeit von Seiten der Aldermänner unsers gelehr-ten Freistaats, gegen die Versuche derer unter uns, welche sich die Reinigung unserer Sprache mehr als gewöhnlichangelegen sein lassen, und etwas nachdrücklicher geäußerter Unwille über das unverständige Hohnlächeln und Hohnlal-lcn unserer anmaßenden Jünglinge und Knaben, die nicht wissen und vor der Hand auch wol noch nicht begreifen wer-den, wovon die Rede eigentlich sei, und worauf es hiebe! ankomme: und wir werden geschwinder, als man glaubenmöchte, dahin kommen, daß wir die allermeisten fremden Wörter, die nicht völlig nach Deutscher Sprach-ähnlichkeitgebildet oder umgebildet worden sind, gänzlich werden entbehren können. Schon besitzen wir in den meisten Fächernder Wissenschaften, der schönen sowol als auch der höhern, einzelne Aufsätze und Schriften, die da beweisen, daß wirdiese Arider Sprachrcinheit gar wohl erreichen können, sobald wir nur wollen; und die gegenwärtige Abhandlung,welche die Bestimmung hat, den Weg und die Mittel dazu anzugeben, soll, wofern meine Kräfte dem Vorsätze gewach-sen sein werden, die Zahl jener Schriften um Eine vermehren helfen.
Die obige Aeußerung, daß einige wenige fremde Wörter, trotz ihrer Abweichung von der Deutschen Sprach-gleichsörmigkeit, schon zu tief in unsere Sprache, sogar in die Volkssprache, eingewurzelt zu fein scheinen, alsdaß sie jemahls ganz wieder ausgetilgt werden könnten, bedarf einer Erläuterung; und diese will ich durch eine Be-merkung geben, die mir eben so neu, als Merkwürdig und erfreulich zu sein scheint. Es ist diese:
„daß
*) Dodikec hat in feinte Deutschen Sprachlehre angemerkt, haß Luther in seiner ganzen Bibel-Übersetzung nur zweifremde Wörter—Disputiren und Musica — gebraucht habe. Des ist zwar nicht ganz richtig; denn er hat auch Sccte,Psalter, Arche, Syrten und einige andere gebraucht: allein es verdient doch immer unsere höchste Bewunderung, daß erzur Uedcrsetznng eines Buchs von so außerordentlich mannigfaltigem Zuhalte und von so großem Umfange, in eine Sprache, dieer aus mehren Mund-arten fich selbst erst schaffen mußte, nur so sehr wenige, und unter diesen wirklich nur ein paar gebrauch-te , die nicht vorher der Deutschen Sprach - ahnlichkeit gemäß umgebildet waren.