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1 (1808) A - E
Entstehung
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der Verdeutschung.

L

dehnung trägt; und daher jedes auch noch so rohe und sprach-arme Volk allerdings in Stande wäre, den ganzen un-geheuren Reichthum der Begriffe eines schon längst gebildeten Volkes nach und nach in seine eigene Sprache, durch«ine ihrer Natur angemessene Erweiterung derselben, und ohne Einmischung fremd-artiger Bestandtheile, aufzunehmen;so erfolgt doch in dem hier angenommenen Falle das Aufdringen der neuen Begriffe gar zu plötzlich, gar zu gewalt-sam und unvorbereitet, als daß das aufnehmende, durch die Menge und Neuheit der seine enge Vorstellungskraftgleichzeitig bestürmenden Begriffe gleichsam betäubte Volk, Zeit, Lust und Fähigkeit behielte, an eine Erweiterungund Ausbildung seiner eigenen Sprache bis zu demjenigen Grade zu denken, der sie fähig machte, die ganze neue Be.griffsmasse zu umspannen. Da ist also eine größere oder geringere Sprachvermischung, wo nicht gar der Untergangder bisherigen Landessprache, unvermeidlich.

Auch unsere Deutsche Sprache, wie jede andere, hat hierüber, und zwar, vornehmlich in zwey verschiedenenZeiträumen, eine traurige Erfahrung gemacht; das erste mahl auf eine, wie ich besorge, unwiederbringliche Art; dasandere mahl hingegen so, daß noch Rathund Hülfe zum Ausmärzcn des ihr damals aufgedrungenen Fremd-artigenübrig zu sein scheinen; jenes znr Zeit der Bekehrung unserer Vorfahren zum Glauben der Christen, dieses in den Zei-ten der Wicderauflebung der Künste und Wissenschaften, besonders von da an, wo andere Völker, und namentlich dieFranzosen, in Sachen des Geschmacks überhaupt, und besonders in der Ausbildung ihrer Sprache, einen so beträcht-lichen Vvrsprung vor uns gewannen. In der erstgenannten Zcif wurden uns von Rom aus, zugleich mit den unSfremden Begriffen der Römischen Lehre, auch eine Menge Römische Wörter, z. B. Altar, Priester (Presbyter,)Kanzel, Predigen, u.f. w. aufgedrungen; und ein Glück war es, daß sowol die ersten Glaubcnspflanzcr, alsauch die ihnen folgenden Pfaffen und Mönche, (die einzigen Bcwahrer und Verbreiter der unschlachtigen Gelehrsamkeitjener Zeiten) die ganze Reihe der mittlern Jahrhunderte hindurch , auf einen so erbärmlich kleinen Kreis von wirklichenBegriffen und Einsichten beschränkt waren, und daher unsere Sprache nur in sofern-verfälschen konnten, als dieselbeauf diesen ihren kümmerlichen Gedankcnvorrath allein Bezug hatte. In dem zweiten von mir angegebenen Zeiträumewar es weniger die Noth, als falscher, oder vielmehr ganz verderbter Geschmack und knechtisches Anstaunen der Fran-zösischen Sitten, des Französischen Hofglanzes und der allbewundertcn Fortschritte der Franzosen in den schönen Kün-sten und Wissenschaften, welche den unseligen Hang zur Verunstaltung der Deutschen Sprache durch unaufhörliches Ein-mischen Französischer Wörter und Redensarten erzeugten und nährten. Und wäre damahls, als dieser sprachschände-rische Unfug den höchsten Gipfel der Tollheit erreicht hatte es war in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhundertsnicht eine Gesellsch aft aufgestanden, die wir undankbarer Weise fast nur noch von ihrer lächerlichen, nicht abervon ihrer würdigen und sehr verdienstlichen Seite mehr zu kennen scheinen, um dieser allgemeinen Verkehrtheit mit va-terländischem Muthe und Eifer entgegenzuarbeiten: wer weiß, ob wir nicht heute eine Sprache hätten, die sich zu derreinen Deutschen, wie die jetzige Englische zu der Altbrittischen, verhielte!

Steigen wir endlich bis zu dem niedrigsten Begriffe hinab, den wir von einer vollkommenen Sprachreinheitannehmen können ; und wollen wir darunter nur denjenigen Vorzug einer Sprache verstehen, vermöge dessen sie

keine andere fremde Wörter und Redensarten, als nur solche aufnimmt, die ihrer eigenen Sprach-

ahnlichkeit gemäß sind, oder welchen sie, vorder Aufnahme, durch irgend eine damit vorgenommene

Veränderung, das Fremd-artige abgeschliffen hat, um ihnen das Gepräge ihrer^ eigenen Sprach -ähnlichkeit

aufzudrucken

so sorge ich, daß unsere gute Deutsche Sprache auch diesen Vorzug, so leicht derselbe zu behaupten gewesen wäre,schon längst, wiewol glücklicher Weise nicht unwiederbringlich, verscherzt habe. Zwar hat sie beimanchem, aus der Grichischen und Römischen Sprache entlehnten Worte, wie z. B. bei Papst und P faff, (vonpapa, 7W7ws), Pfarre (von parochia, oder paroecia, xagmia), Kirche (entweder von WL,«xv», oder, wie Rüdi-ger will, von carcer, oder durch die buchstäbliche Ueberseßung von ecclesia durch das Zeitwort küren; andereHerleitungsversuche zu geschweigen,) predigen (von praedicare) , Pfingsten (von pentecoste, segnen (vonsignare, nämlich cruce) und in hundert andern, diese Art der Reinheit glücklich zu behaupten gewußt, indem sie dieseWörter, bevor sie dieselben aufnahm, erst unter ihren eigenen Stempel brachte, um ihnen das Deutsche Gepräge auf-zudrucken; zwar hat sie auch in den meisten andern Fällen sich lange geweigert, ausländische Wörter unter den ihri-gen zu dulden, welchen man nicht vorher irgend etwas von ihrem Fremd-artigen genommen, und nicht irgend ekwaÄvon Deutscher Eigenthümlichkeit angehängt hatte: allein sie wurde nach und nach in der Behauptung dieser Reinheit ineben dem Maße nachgiebiger oder nachläßiger, in welchem sie aus einer rohen Volkssprache zu einer gebildeten Ge-lehrten- und Hofsprache sich empor-arbeitete. So wie die Strenge der Sitten, Zucht und Ehrbarkeit, durch Verfei-nerung, Standeserhöhung und steigende Ueppigkeit gewöhnlich vermindert werden: so ließ auch unsere Sprache, so wie

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