Druckschrift 
1 (1808) A - E
Entstehung
Seite
IX
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Vorrede.

ix

mt es, wo ich den wahren ernsthaften Sinn, der in Leibnitz'ens scherzhastscheinender Behauptung, unsereSprache betreffend , liegt (S-die nachstehende'Abhandlung Seit. 18), oft durch die Erfahrung sehr bewährtfand. Es ist wirklich wahr und gewiß, daß unsere Sprache, wie jede reine Ursprache, für eine Art vonPrüfstein der Begriffe gelten kann. Man versuche es nur, wie ich es versucht habe, sie an die Lateinisch-Gnchrschen Kunstwörter der Schule zu halten; und man wird, wie ich, in nicht wenigen Fällen finden: bald/daß einer dieser Ausdrücke, seiner Leerheit wegen, gar nicht ins Deutsche übersetzt werden kann, ohne daßdie Leere augenblicklich sichtbar wird; bald, daß der wirkliche Inhalt eines andern, wenn ihm dieGrichisch-lateinische dFille abgezogen.wird, nicht übersetzt oder verdeutscht zu werden verdient. Will man, ausser deneben erwähnten Was Heiken und Das Heiken ein neueres Beispiel haben, so versuche man einmahlein Deutsches Wort zu finden, welches zu folgender Erklärung (!) der nan8LLn6enraIen apperception paß-te:Dasjenige Selbstbewußtsein, was, indem es die Vorstellung ich denke hervorbringt, die alle anderemuß begleiten können, und in allem Bewußtsein ein und dasselbe ist, von keiner weiter begleitet werdenkann."'Man könnte freilich jenen barbarischlatemtschen Ausdruck durch über-oder vorsi änlichesInnewerden verdeutschen; aber wie paßt nun jener und dieser zu der obigen Erklärung? Oder was hatunser Verstand gewonnen, wenn er zu jenem Ausdrucke diese Erklärung hinzudenkt?

Ein vollständiges Verzeichniß aller fremden Kunstwörter dieser Art zu liefern, und sie alle zuverdeutschen, konnte und durfte daher mein Zweck Nichtsein. Er konnte es nicht, weil die Verdeutschung,der angezeigten Ursache wegen, in einigen Fällen unmöglich ist; denn was soll man übertragen, wo es nichtsbestimmtes zu übertragen gibt? Er durfte es nicht; iherlö aus gleicher Ursache, theils aber auch, weil dieArt, wie man in der neuern Schule ältern Kunstwörtern oft neue Bedeutungen untergelegt hat, nicht seltenso willkührlich und der Natur und Zusammensetzung dieser Wörter so schnurstracks zuwider ist. daß sie, sogenommen, außerhalb jener Schüfe, in dem Gebiete irgend einer geregelten menschlichen Sprache ganzunmöglich Glück machen und zu Sprachgebrauch werden können. Wenn z. B. um von mehren Wör-tern, welchen höchstwillkührlicher Weise eine ihnen fremde Bedeutung angezwungen worden ist, nur einsanzuführen das Lateinische Reflexion (und das ihm antworrende Deutsche, Ueberlegung) durchden Zustand des Gemüths, m welchem wir uns zuerst anschicken, die subjectivcn Bedingungen ausfindigzu machen, unter welchen wir zu Begriffen getan,ren können *) erklärt wird: so ist das ein so gewaltsa-mer, der Sprache angethaner Zwang, daß daö Sprachgefühl eines jeden, der seinen gesunden Menschen-verstand noch nicht unter dem Gehorsam des Glaubens an die Aussprüche des Meisters gefangen genommenhat, dadurch empört und zurückgeschreckt wird. Auch ist es platt unmöglich, einen so verschrobenen/ imGrunde nichts begreiflich machenden Begriff, ohne den wrllkührlrchsten und unbefugtesten Machtspruch, ir-gend einem Worte, am wenigsten dem Worte Reflexion oder Ueberlegung anzuheften. Wer über-legt, der will nicht erst Begriffe erlangen, noch weniger sich erst anschicken, die Bedingungenausfindig zu machen, unter welchen er Begriffe erlangen könne; er hat vielmehr schonBegriffe, und fangt nur an sie zu verarbeiten, sie gleichsam über einander zu legen, um zu versuchen,ob sie zu einander paffen, mit einander verbunden oder von einander getrennt werden müssen. Daß dis,und nicht jene seltsame Andichtung, der Smn des Wortes Ueberlegung sein, (bei dem Lat- WorteReflexion liegt ein anderes Bild zum Grunde, welches aber auch schon daseiende Begriffe, die zurück-gestrahlt, reflectirt, werden, voraussetzt), fühlt jeder Unbefangene; und es ist daher sticht zu besorgen, daßjene erdichtete Bedeutung jemahls in einiger Allgemeinheit angenommen, und zu Sprachgebrauch werdenkönne. Kunstwörter dieser Art also verdienen nicht verdeutscht zu werden; können es auch nicht Solchehabe ich daher auch ohne Bedenken entweder aus meiner Sammlung zurückgeschoben, ober mich nur an ih-re ältere, allgemeingültige Bedeutung gehalten, und sie nur in dieser zu verdeutschen gesucht; und ich hof-fe, daß der reine, verständige Geist unserer Sprache und alle echte Kenner und Freunde desselben, mir da-für danken werden. Wir wollen unsere Sprache bereichern, aber nicht mit Seifenblasen, sondern mitWörtern; mit Ausdrücken, welche wirklich etwas ausdrucken, nicht bloß etwas auszudrucken scheinen.

Ich kenne und ehre, wie irgend einer meiner Zeitgenossen, das wirkliche und große Verdienst desMannes, gegen dessen sprachverwirrenden Ausdruck ich hier so stark zu eifern mich gedrungen fühlte. Ich

** danke

*) An einem andern Orte wird die v orsin n liehe (transscendetitalc)Reflexion oder Ueberlegungdurch dieBc-immung desie^nigen Orts erklärt, wo die Vorstellungen der Dinge, die verglichen werden, hingehören, ob sie der Verstand denkt, oder die Sinirlich->keil in der Erscheinung gibt." Wer vermag es, auch diesen, obgleich weniger verwickelten Begriff, nebst allen seinen Bestimmungen,mit einem einzigen Worte zu bezeichnen? Und wie wenig passen die allgemeinen Wörter Reflexion und Ueberlegung dazu?