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Nervosität und Mädchenerziehung in Haus und Schule
Entstehung
Seite
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Nervosität und Lehrverfahren.

Die einen glauben einer psychologisch begründeten Theorie ent-raten zu können, indem sie sich auf ihre unterrichtliche Erfahrung ver-lassen. Erfahrung ist gewifs die beste Lehrmeisterin, nur darf mansich nicht ausschliefslich auf die eigene Erfahrung beschränken. Eineauf empirisch-psychologischer Grundlage ruhende Theorie aber umschliefstmehr Erfahrung, als der Einzelne in der Regel machen kann. Über-dies hat die eigene Erfahrung bei der Ausübung des Unterrichtes reich-lich Raum und kann für die weitere zweckmäfsige Ausbildung derTheorie sehr nutzbringend sein. Es bleibt bei dem Worte Dörpfelds:»Eine gute Theorie ist das Praktischste, was es giebt.«

Andere halten sich für »Schulmeister von Gottes Gnaden«, diegleichsam instinktiv immer das Richtige treffen. Wenn sie wirklich dassind, wofür sie sich halten, so wollen wir nicht mit ihnen rechten, wenn-gleich noch zu untersuchen wäre, ob sie nicht noch mehr leisten könnten,falls sie eine gute Theorie in ihren Dienst zögen. Leider aber giebtes dieser Talente so wenig, dafs sie im allgemeinen gar nicht in Be-tracht kommen.

Wieder andern, und gerade auch solchen an höhern Mädchen-schulen wirkenden Lehrern erscheint unsere Methode zu »elementar«.In der Volksschule und von Volksschullehrern geübt, läfst man sie sichgefallen, aber in der höhern Schule lehnt man sie ab, weil sie der er-höhten Fassungskraft der Schülerinnen und der akademischen Bildung derLehrer nicht recht würdig sei. Zunächst ist hierauf zu entgegnen, wasschon Vogt gegen J. B. Meyer geltend gemacht hat 1 ), dafs die psy-chologischen Gesetze, nach denen sich der Unterricht richten mufs, beigröfserer und geringerer Geistesbildung dieselben sind, und dafs für diebesondern Verhältnisse, welche allerdings zu berücksichtigen sind, einweiter Spielraum bleibt. Aber gesetzt auch, der Unterschied wäre be-deutender, als er in Wahrheit ist, so würde die höhere Mädchenschulesehr gut daran thun, sich klar zu machen, dafs sie der Volksschuledenn doch viel näher steht, als dem Gymnasium oder dem Real-gymnasium, ja der Realschule. Es ist daher nur eine sehr natürlicheKonsequenz, wenn das preufsische Unterrichtsministerium, welches einebessere methodische Ausbildung der Lehrer an höhern Knabenschulenfür unerläfslich hält, in einer neueren Verfügung den höhern Mädchen-schulen die Anwendung einer »elementaren« Methode zur Pflicht

’) Jahrbuch des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik XV, 321.