27
Mort gebrauche, als wenn ich mich in australische Molle kleide, chinesischenThee oder französischen Wein trinke." findet Rümelin wirklich keinen Unter-schied zwischen diesen gleichgültigen Dingen des gewöhnlichen Lebens und derMuttersprache? —.Und selbst wenn wir unsere Muttersprache auf gleiche Stufemit Molle, Aasfee und Thee zu stellen haben, lassen wir es uns denn ruhiggefallen, wenn die Molle mit Baumwolle vermengt, wenn Aaffce und Theeverfälscht werden? Menn unsere Sprache verfälscht wird, wenn sie durch Ein-mengung entbehrlicher ausländischer Mörter entstellt wird, wenn gute deutscheMörter durch die fremden Schmarotzer verdrängt werden, darf sich dagegenkeine Stimme erheben? Tiere werden durch Tierschutzvereine vor Mißhand-lungen geschützt, unsere arme Sprache aber soll sich fort und fort mißhandelnlassen, wie sie schon seit Jahrhunderten gemißhandelt worden ist. ^fch weißnicht, was die Tübinger Studenten zu diesen Sätzen Rümelms gesagt haben, —ob aber wohl französische und englische Studenten eine solche Verachtung derMuttersprache stillschweigend hingenommen hätten? H
Trotz seiner offenbaren Vorliebe für die Fremdwörter macht Mimelin derSprachreinigung bedeutende Zugeständnisse (5. 2 f.): Man könne und müsse anjenem Eifer um die Reinheit der Muttersprache nicht nur die gute Meinung,sondern auch einen festen Aern innerer Berechtigung anerkennen. Es sei selbst-verständlich und gar keines Beweises bedürftig, daß es nichts Thörichteresund Widersinnigeres geben könne, als zu seinen Landsleuten in fremder^unge zu reden, wenn die Muttersprache die dem Sinn vollkommen entsprechen-den Worte darbiete; er räumt sogar ein, daß hiergegen gar nicht selten ge-sündigt werde. Noch mehr: er giebt zu, daß man jede Häufung vonFremdwörtern selbst dann, wenn jedes einzelne für sich ganz berechtigt wäre,auch schon aus stilistischen Gründen vermeiden müsse, weil die Rede dadurcheinen buntscheckigen und mißfälligen Eindruck mache, ungefähr wie wennin einer Gesellschaft die einen in bürgerlichein Anzuge, die anderen in Masken
*) Mio Rümelin von der deutschen Sprache gering denkt, so wegwerfend lautet auchsein Urteil über die ältere deutsche Littcratnr. Er ist „der vielleicht anstößigen, aber nichtallein stehenden Meinung," daß unsere ganze ältere Littcratnr mit wenig Ausnahmen eigentlichnur für den Geschichts- und Sprachforscher, höchstens noch für den besonderen Liebhaber vonRedeutung ist, daß sic aber „der Masse der Gebildeten, die gewöhnt und darauf ange-wiesen jst, den Maßstab des Klassischen anznlegen (?) und weder Zeit noch Lust hat, sich auchmit dem ffalben und Unfertigen zu befassen, nur wenig zu bieten hat (S. Und zwar
rechnet er dieje ältere Zeit bis zu dem Auftreten unserer Massiker im vorigen Jahrhundert.Aho unsere großartigen Volksdichtungen des Mittelalters, die gedankentiefcn epischen Schöpf-ungen eines tvolsram von Eschenbach, die herrlichen, formvollendeten Lieder und Sprüche einestvalther von der vogelweide n.s.w. — das alles ist Ualbes und Unfertiges, nichts für die „Gebil-deten." Man wird unwillkürlich an den bekannte» Ansspruch Friedrichs des Großen erinnert,welcher — freilich unter ganz anderen Verhältnissen — dies alte Zeug keinen Schuß jdnlverwert gefunden hat. Aber Rümelin geht noch weiter, auch die späteren Dichter, die Sängerunserer alten gemütstiefcn Kirchenlieder, sogar Luther, der doch selbst von seinen Gegnern alsMeister der deutschen Sprache anerkannt wird, dessen Sprachgcwalt Goethe in so hohem Maßebewunderte, — sie alle finden keine Gnade vor seinen und seiner „Gebildeten" Augen,