Druckschrift 
Die Sprachreinigung und ihre Gegner : eine Erwiderung auf die Angriffe von Gildemeister, Grimm, Rümelin und Delbrück ; Festschrift zur Begrüßung der 1. Hauptversammlung des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins in Dresden am 8. und 9. Oktober 1887
Entstehung
Seite
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etwas Verbindliches kehren, die zum Gebrauche zufällig vorliegt (!).Er wird, wo sie nicht ausreicht, unbeirrt von jeder anderen Rücksicht, als der,den genauesten Ausdruck seiner Gedanken zu finden, die Worte und Wendungenwählen, wie er sie bedarf, jedes Wort, jede Horm wird ihm genehm sein, dieseinen Gedanken enthält. Schriftsteller dieser Art aber sind es, um derent-willen die Sprachen bei allen Nationen im höchsten Sinne da sind (!).Diese Autoren sind es, die den Hortschritt der Sprachen bewirken, ihre Ausdrucks-fähigkeit erhöhen, ihre Wirksamkeit vergrößern und verbreitern; und nicht, dieseUlänncr zu meistern und Regeln für sie auszustellen, sondern ihre Schriften zudurchdringen und die Gesetze zu verstehen, die sie enthalten, muß das Zielder Völker (?) sein" (S. Z05).

Ich habe diese Sätze vollständig mitgeteilt; denn sic enthüllen mit einerich muß sagen verblüffenden Offenheit die Stellung Grimms zur Hremdwörter-frage und zur Sprache überhaupt. Diezufällig vorliegende Sprache"nämlich die Muttersprache! ist von gar keiner Bedeutung, der Schriftstellerist alles. Er kann mit ihr machen, was ihm beliebt; er kann seineWorteund Wendungen" aus dein Chinesischen oder Hottentottischen nehmen, wenn sienur seinen Gedanken ausdrücken. Die Sprache ist vogelsrei, sie ist überhauptnur um des Schriftstellers willen da!! And nicht nur die Sprache, sondern dasganze Volk, dessenZiel" es ist, solche Schriftsteller zu verstehen!

Das schreibt der Sohn und Neffe der Gebrüder Grimm, die durch ihrebahnbrechenden Arbeiten uns zuerst die Herrlichkeit, die Tiefe, den Reichtum derdeutschen Sprache erschlossen, deren ganzes Streben daraus ging, den DeutschenLiebe und Achtung für die Muttersprache cinzuflößcn, die bei der Begründungihres großen Nationalwerkes, des Deutschen Wörterbuches, wie Wilhelm Grimmauf der Germanisten-Versammlung zu Hrankfurt ch-ch öffentlich aussprach, vorallem im Auge hattenden Sinn für Reinheit der Sprache wieder zu erwecken,der in unserer Zeit völlig abgestorben erscheint." *)

Natürlich fühlt Herinan Grimm auch eine gewisse Verpflichtung, seineAnsicht von der Unentbehrlichkeit der vornehmen Hremdwörter irgendwie zu be-gründen. Er thut dies ähnlich wie Gildenreister, indem er air einigen Hremd-wörtern nachzuweisen versucht, daß die entsprechenden deutschen Ersatzwörter denInhalt derselben nicht vollständig wiedergeben. Er beginnt bei dein WorteEssay".Essay besagt nicht schlechthin Versuch, sondern ist eure litterarischeHorm, die nr England zuerst zur Ulacht gelangte, eine ganz bestimmte Artbezeichnend, ein Thema anzufassen" (S. ZOs). Wird jemand, der das Wortnoch nicht kennt, durch diese Begriffserklärung klüger werden?! Er fährt fort:Thema ist keine gegebene Ausgabe, sondern der unter besonderen Umständenzum Ausgange von Betrachtungen gewählte Text." Demnach ist Thema eineUnterart von Text. Wenn also Hricdrich der Große zum Thema eines Vor-trages gewählt wird, so ist er einText!" . . .Individuell" ist nicht H>er-

*) Kleinere Schriften von tvilhclm Grimm, hcrausgeg. v. G. ffinrichs I s;7.