Druckschrift 
Die Sprachreinigung und ihre Gegner : eine Erwiderung auf die Angriffe von Gildemeister, Grimm, Rümelin und Delbrück ; Festschrift zur Begrüßung der 1. Hauptversammlung des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins in Dresden am 8. und 9. Oktober 1887
Entstehung
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Fremdwörtern durch Schrecken von ihrer Geschmacksverirrung abzubringen,wenn aber der Fortschritt in der Sache selbst begründet ist, warum stemmt sichGildemeister dagegen? Gr warnt vor Übertreibung, die jeder guten Sacheschade.Deutschlands Ehre und würde, ins Feld geführt gegen französischeMenus" und französische Pappschachtel-Etiketten, ist ein Beispiel solcher schäd-lichen Übertreibung." (Handelt es sich um nichts weiter als um Tischkartenund Schachtel-Aufschriften?!)Andere Nationen sehen keine Erniedrigung darin,wenn ihre Sportsmänner englisch, ihre Frauenschneider und Köche französisch,ihre Loncertmeister italienisch sagen, was in der Landessprache unsagbarist." Dem stimmen auch die Sprachrciniger zu, wenn es eben wirklichunsagbar"ist. Fremdwörter zur Bezeichnung von Begriffen, die in der eigenen Sprachenicht ausgedrückt werden können, sind unentbehrlich und diese werden nich,t be-kämpft. Die Verdeutschung der Speisekarte findet keine Gnade vor seinenAugen; er hatimmer gefunden, daß Gesellschaften, denen inan eine ver-deutschte Speisekarte vorletzte, die Sache als einen Spaß behandelten." Sollteman wirklich bei dem Festmahle zu Ehren des deutschen Kronprinzen in: Gür-zenich zu Köln ; 875 , bei den: großen: Reichsfischessen in Berlin ; 876 , bei demdurch die Anwesenheit des Kaisers und vieler Fürsten ausgezeichneten großenEssen zur Einweihung des Kölner Domes ; 880 , bei dem Kaisermahlc in Frank-furt a. M. im Herbste s88z, bei dem Gastmahle, welches den: Könige vonSachsen in Leipzig bei seinen: Besuche der Kochkunst-Ausstellung gegeben wurde, sollte nun: sich wirklich bei diesen festlichen Gelegenheiten mit so erlauchtenGästen einen Scherz erlaubt haben? Bei allen diesen Festessen sind nämlichdeutsche Tischkarten aufgelegt worden.*)

In einen: Punkte stimmt Gildemeister selbst mit den:unerbittlichsten Pu-risten" überein: es erscheint ihn: durchaus verwerflich, ja geradezu scheußlich,wenn das Fremdwort in die lediglich eonstructiven Teile des Satzbaueseindringt,**) wieeine Politik ä In Bismarck",vi8-»-vi8 von BKnnz",eineBullion per Woche". Er nennt dies eine Geschmacksroheit, eine Versündigungan der Sprache. Gewiß mit vollen: Rechte, aber ist v>8-n-vi8 wirklich so vielschlimmer als die vielen entbehrlichen Fremdausdrücke, die er selbst gebraucht,

*) Leidem Kölner Domfcste z. B. lautete die Tischkarte folgendermaßen:Kaviar,venetianischer Salat. Klare Suppe, Hühnersuppc. Kleines Fleisch in Muschel». Steinbuttmit Lrdschwämmcu. Schinken in Madeira. Fasanen und Sauerkraut. Kleine Erbsen mitZunge und geräuchertem Lachs. Gäuselcber mit Trüffeln. Getriiffclte Kapaune. Rehziemer.Eingemachtes Mbst, Salat. Seekrcbse. Eis, Früchte und Nachtisch. Aufsätze, Kaffee." DerSpeisezettel bei dem Königsesscn der Kochkunst-Ausstellung in Leipzig hatte folgendenMortlaut:Fleischbrühe in Tassen mit Pasteten. Rindslende am Spieß mit jungen: Gemüse.Forellen blau mit frischer Butter. Reheotclettcs mit Trüffeln. Metzer Hühner, Zuckerfrüchte,Salat. Frucht-Aufsätze, Nachtisch." Klingt das wirklich so scherzhaft? Die Unsitte, französischeMenus" aufzulegcn, ist noch gar nicht so alt. Den Anfang dazu machte im Jahrhundertder kurfürstliche Hof in Hannover; weiter verbreitet wurde sie erst im ;8. Jahrhundert.

**) Soll wohl heißendes Satzes"; eonstrnetive Teile sind Bauteile,Bauteile desSatzbaucs" wäre eine häßliche Doppelsetzung. Die bösen Fremdwörter!