Druckschrift 
2. Theil, Die Geschichte der Glasmalerei Bd. 1 (1898) Die Frühzeit bis zum Jahre 1400
Entstehung
Seite
177
Einzelbild herunterladen
 

Und es wird ein Sprössling ausgehen aus dem Stamme Jesse, undeine Blume wird aus dessen Wurzel herauswachsen, und der Geist desHerrn wird auf ihm ruhen; der Geist der Weisheit und der Hinsicht,der Geist des Käthes und der Stärke, der Geist der Wissenschaft undder Frömmigkeit, und der Geist der Furcht des Herrn wird ihn erfüllen.

Zuweilen bildet die Gottesmutter mit dem Jesuskinde die .Bekrönungoder Gott Vater, der segnend über seinem Sohne schwebt.

In vereinzelten Fällen geht der Stammbaum, wie in der Deckevon Hildesheim, auf Adam zurück, eine sinnbildliche Anspielung auf dieLegende, nach welcher ein Reis vom Baum des Lebens auf das GrabAdams gepflanzt war, aus dessen Holz das Kreuz Christi gefertigt wurde;diese Auffassung findet sich im Fenster zu Legden. Ausser den Dar-stellungen der Voreltern oder an ihrer Stelle brachte man vielfach dieHauptstücke der christlichen Glaubenslehre an, so zu St. Kunibert,in Gelnhausen, Wels, Piirgg, Falkenstein, Speinshard'), Ess-lingen, St. Georgen ob Muran, Alt-Thann und anderwärts.

Nicht nur in der Frühperiode, sondern auch in der Spätgothikbildet der Stammbaum Jesse einen herrlichen Fensterschmuck, der sichnicht minder durch glückliche Raumvertheilung wie durch die leuchtendePracht der Farbengebung auszeichnet. !

Darstellungen in den Glasfenstern der Frühperiode

Während in Frankreichs Kathedralen ganze Serien, vollständig-Bildercvklen aus den Fenstern dem entzückten Beschauer entgegen-strahlen, welche, vom Westportal beginnend, sich in den Seitenschiffenund in den Oberfenstern des Mittelschiffes nach dem Chor mit seinemKaitellenkranz hin entwickeln, vermisst man in Deutschland derartigeBilderreihen unter den erhaltenen Denkmälern, wenn auch einzelneReste diesbezügliche Rückschlüsse gestatten. Nur in den Chorfensterndes Domes zu Köln ist ein gewisser Zusammenhang erkennbar, ebensoin den Fenstern des Strassburger Münsters, in welchem leider der cen-trale Abschluss fehlt 2 ).

Im allgemeinen war es Gebrauch, die Hochfenster mit grossenEinzelfiguren, die untern Lichtölfniingen mit Legendenfenstern und dieTriforien mit 'Peppichen auszustatten. Es lässt sich nun nicht leugnen,dass streng symmetrische Durchführung eines wohl überlegten Verglasungs-planes viel für sich hat; anderseits entbehren auch willkürliche An-

*) Zeitschrift für christl. Kunst. 1897, Heft 3.

) In unserer Zeit wurden Ausstattungspläne veröflentlicht von Kssenwein(St. Gereon und Gross-St. Martin), von J. Schulz, die dekorative Ausschmückungder Münsterkirche zu Bonn, 1S86; St. B eis sei, lieber die Ausstattung des Innernder Kirchen durch Malerei und Plastik. Zeitschrift für christl. Kunst. 1894. Heft 7 u. f.

Oidtmann, Glasmalerei II.