Druckschrift 
2. Theil, Die Geschichte der Glasmalerei Bd. 1 (1898) Die Frühzeit bis zum Jahre 1400
Entstehung
Seite
83
Einzelbild herunterladen
 

einer Seite des Fensters damit fertig waren, dasselbe auf der Rückseite Vornahmen.Auch hatte man Leute nöthig, die in Gyps oder Mörtel arbeiteten, wenn die Arbeitan Ort und Stelle war. Die bewunderungswürdige Einsicht, welche sowohl die Herrenals auch die Aufseher in diesen Werkstätten unterhielten, machte diese Arbeitenweniger mühsam usw. 1 )

Wie einfach und wahr sticht dagegen der erste Betrieb unsererKunst in der Weise des Theophilus ab, schliesst Gessert. Le Vieilund Gessert gehen beide zu weit.

In alten Nachrichten werden stets mehrere Künstler genannt.Karl der Kahle beschenkte gleichzeitig die Glasarbeiter Balderich undRagenulf; Abt Gozbert sandte dem Grafen Arnold mehrere Zöglinge,um sie in der schönen Kunst unterweisen zu lassen, und Abt Sugerius 2 )Hess mehrere Meister zur Anfertigung seiner Fenster kommen; inHildesheim verkehrte Buno unter Godehard mit Glasern und Malern.Eingehende Untersuchungen haben Westlake, Magne und andere zu derUeberzeugung gebracht, dass im Nordwesten Frankreichs schon sehrfrüh ganzeSchulen bestanden haben müssen. Wie wäre sonst auchdie grosse Zahl der noch vorhandenen alten Glasgemälde, deren oft sehrumfangreiche, aus einer Zeitperiode herrührende Bilderreihen in einzelnenDomen und Kathedralen unmöglich von einer Hand angefertigt seinkönnen, zu erklären? Desgleichen setzen die überzeugenden Aus-lassungen Viollet-le-Ducs 3 ) eine begrenzte Arbeitstheilung voraus. Undselbst Theophilus schreibt von einem Gehülfen (puero). Uebrigens sprichtdie ganze Technik selbst, die grosse Verschiedenartigkeit der einzelnenVerrichtungen dem Fachmann zu deutlich für die Nothwendigkeit einergewissen Arbeitstheilung. Jedenfalls standen den Mönchen oder Laien-brüdern in den Klöstern kunstfertige Mitbrüder zur Seite, wenn schliesslichauch ein Meister die Hauptarbeit verrichtete.

Bekanntlich haben sich u. a. emaillirte Reliquienkästchen rheinischerund besonders französischer Herkunft aus dem 12. und 13. Jahrhundertin so grosser Zahl erhalten, dass sie die VermuthungfabrikmässigerHerstellung nahe legen. An den oft handwerksmässigen Betrieb der Tafel-malerei, deren Erzeugnisse zuweilen an demselben Bilde verschiedeneHände erkennen lassen, sei nur nebenbei erinnert. Wenn trotz dergleichartigen Technik einzelne Miniaturen die Arbeit mehrerer Händeerkennen lassen, weshalb sollen wir bei der Glasmalerei eine Arbeits-theilung ausschliessen ? Wir dürfen dies um so weniger, als gerade hierdie einzelnen Verrichtungen recht mannigfaltig und verschiedenartig waren.

L. Ottin a. a. O. Seite 14 u. f. gibt eine anschauliche Schilderung, wennauch in etwas vergrossertem Massslabe, wie es in den alten Werkstätten ausgesehenhaben mag.

2 ) Ottin a. a. 0 . S. 17:avait recherche avec beaucoup de soins des faiseursde vitres et des compositeurs de verre etc.

:! ) Viollet-le-Duc a. a. O. Band IX, Seite 382.

83