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Der Mysticismus.
rung ihre eigentümliche Färbung. Bei den von jeher zur Fröm-migkeit neigenden Engländern mußte die Entartung und Hysterieeine mystisch-religiöse werden. Bei den Franzosen mit ihremhochentwickelten Geschmack und der unter ihnen weit verbreitetenLiebhaberei für alle Kunstübungen war es natürlich, daß dieHysterie eine künstlerische Richtung einschlug und zu den be-kannten Ausartungen in der Malerei, im Schristthnm und inder Musik führte. Wir Deutsche sind im Allgemeinen wedersehr fromm noch sehr ästhetisch gebildet. Unser Verständnißfür das Schöne in der Kunst äußert sich meist nur in demblödsinnigen „reizend!" und „entzückend !" das die höhere Tochtermit spitzem Kopfton und verdrehten Augen wahllos beim An-blick eines putzig geschorenen Pudels und vor der HolbeinschenMutter Gottes in Darmstadt quiekt, und dem behaglichenGrunzen, womit der Spießbürger beim Vortrag einer Lieder-tafel sein Bier einpumpt. Nicht als ob uns von Natur derSinn für das Schöne fehlte; ich glaube im Gegentheile, daßwir im tiefsten Wesen mehr davon haben als die meistenanderen Völker; aber weil dieser Sinn wegen der Ungunst derVerhältnisse nicht zur Entwickelung kommen konnte. Wir warenseit dem dreißigjährigen Kriege zu arm, wir hatten zu hartmit der Noth des Lebens zu kämpfen, um für irgend einenLuxus etwas übrig zu haben, und die herrschenden Klassenunseres Volkes, tief verwälscht, Sklaven französischer Mode,hatten sich den breiten Massen so entfremdet, daß diese zweiJahrhunderte lang keinen Antheil an der Bildung, dem Ge-schmacke, den ästhetischen Befriedigungen der von ihnen durcheine unüberbrückbare Kluft getrennten oberen Schichten gewinnenkonnten. Da nun das deutsche Volk in seiner großen Mehrheitkeine Kunstinteressen hatte und sich wenig um sie kümmerte,so konnte auch die deutsche Hysterie keine künstlerisch-ästhetischesein.
Sie nahm andere Formen an, theils abscheuliche, theils